Kapitel 1

Das physische System

Bevor es um Märkte und Preise geht, schauen wir auf die Maschine selbst: Kraftwerke, Speicher, Leitungen, Verbraucher. Acht Lektionen, von der Steckdose bis zum Netzengpass. Wer verstanden hat, wie diese Maschine funktioniert und wo sie an Grenzen stößt, versteht später auch, warum der Strommarkt so gebaut ist, wie er ist.

1. KurzfassungWorum es geht, in wenigen Sätzen
2. ErklärungMit Alltagsbild
3. Das WichtigsteWas du wirklich lernen musst
4. Mini-QuizKurz prüfen, ob es sitzt
Lektion 1.1 · ca. 8 Minuten

Vom Kraftwerk zur Steckdose

Kurzfassung

Das Stromsystem hat drei Teile: Erzeugung, Netz und Verbrauch. Das Netz besteht aus zwei Ebenen. Das Übertragungsnetz ist die Autobahn: Es transportiert große Mengen über weite Strecken. Das Verteilnetz sind die Landstraßen und Wohnstraßen: Es bringt den Strom bis zu dir nach Hause. Viele Windräder und Solaranlagen speisen schon ins Verteilnetz ein.

Bild zum Merken: das Straßennetz

Ein Lkw fährt von einer großen Fabrik über die Autobahn bis in die Nähe einer Stadt. An der Ausfahrt wird die Ladung auf kleinere Transporter umgeladen, die durch die Straßen bis zu jedem Haus fahren. Beim Strom übernimmt das Umspannwerk die Rolle der Ausfahrt mit Umladestation: Dort wird die Spannung von „Autobahn“ auf „Landstraße“ heruntergesetzt.

Warum zwei Ebenen? Strom über lange Strecken zu schicken verursacht Verluste. Je höher die Spannung, desto kleiner sind diese Verluste. Darum fährt der Strom auf der Autobahn mit sehr hoher Spannung (bis 380.000 Volt) und wird erst in der Nähe der Verbraucher Schritt für Schritt heruntergesetzt, bis zu den 230 Volt aus deiner Steckdose.

Früher floss Strom fast nur in eine Richtung: vom Großkraftwerk über die Autobahn nach unten zu den Häusern. Heute sitzen viele Erzeuger selbst unten im Verteilnetz, etwa die Solaranlage auf dem Dach oder der Windpark auf dem Acker. An sonnigen Tagen fließt Strom deshalb manchmal sogar von unten nach oben.

Wichtig für Windparks: Das Verteilnetz ist nicht nur die kleine Leitung vor deinem Haus. Es reicht von 110.000 Volt (Hochspannung) über die Mittelspannung bis zu den 230 Volt. Ein einzelnes Windrad erzeugt Strom mit 20 bis 30 Kilovolt, also Mittelspannung. Größere Windparks werden über ein eigenes Umspannwerk an das 110-kV-Netz angeschlossen, das in Deutschland noch zum Verteilnetz gehört. Nur sehr große Windparks an Land hängen direkt am Übertragungsnetz. Windparks auf See speisen dagegen immer ins Übertragungsnetz ein.

Für die Autobahn sind in Deutschland vier große Firmen zuständig, die Übertragungsnetzbetreiber. Für die Landstraßen gibt es viele hundert Verteilnetzbetreiber, oft die örtlichen Stadtwerke.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Die drei Teile Erzeugung, Netz, Verbrauch. Darauf baut alles Weitere auf.
  • Warum es zwei Netzebenen gibt: Hohe Spannung bedeutet weniger Verluste auf langen Strecken.
  • Dass Wind an Land und Sonne meist ins Verteilnetz einspeisen (bei Wind oft auf der 110-kV-Ebene), Wind auf See dagegen ins Übertragungsnetz. Das wird später beim Thema Netzengpässe wichtig.

Auswendig lernen

  • Übertragungsnetz = Autobahn (220 und 380 kV), Verteilnetz = Landstraße (110 kV und darunter).
  • Vier Übertragungsnetzbetreiber in Deutschland, viele hundert Verteilnetzbetreiber.

Nicht lernen

  • Mittelspannung im Detail, Umspannwerkstypen.
  • Das Schema als Zeichnung, nur die Idee dahinter.

Mini-Quiz

Warum wird Strom über weite Strecken mit sehr hoher Spannung transportiert?

Wo speist eine Solaranlage auf einem Hausdach typischerweise ein?

Lektion 1.2 · ca. 10 Minuten

Das Gleichgewicht

Kurzfassung

Strom lässt sich kaum lagern. Deshalb muss in jedem Moment genau so viel erzeugt werden, wie verbraucht wird. Ob das stimmt, zeigt die Netzfrequenz: In Europa soll sie bei 50 Hertz liegen. Weicht sie ab, springen automatisch Reserven ein. Diese eine Regel ist der Grund, warum der ganze Strommarkt so gebaut ist, wie er ist.

Stell dir eine Bäckerei vor. Wenn mehr Brötchen gebacken als verkauft werden, liegen sie im Regal. Kommen mehr Kunden als gedacht, gibt es eine Schlange. Das Lager gleicht aus. Beim Strom gibt es dieses Regal praktisch nicht. Batterien und Pumpspeicher existieren, aber verglichen mit dem Verbrauch eines ganzen Landes sind sie klein. Was in diesem Moment erzeugt wird, wird im selben Moment verbraucht.

Bild zum Merken: die Badewanne

Das Stromnetz ist wie eine Badewanne, die immer gleich voll sein muss. Kraftwerke drehen den Wasserhahn auf, Verbraucher ziehen den Stöpsel. Läuft mehr rein als raus, steigt der Pegel. Läuft mehr raus als rein, sinkt er. Beides ist gefährlich. Der Pegel ist beim Strom die Frequenz: zu viel Strom, Frequenz steigt; zu wenig Strom, Frequenz sinkt.

Wer passt auf den Pegel auf? Die Übertragungsnetzbetreiber aus Lektion 1.1. Sie halten dafür Reserve bereit: Kraftwerke, Batterien oder große Verbraucher, die auf Abruf mehr oder weniger Strom liefern. Die Reserve kommt in drei Stufen, wie bei einem Notfall:

Innerhalb von SekundenErste HilfeSpringt automatisch an, sobald die Frequenz abweicht. Stoppt den Absturz.
Innerhalb von MinutenRettungswagenÜbernimmt von der ersten Stufe und bringt die Frequenz zurück auf 50 Hertz.
Etwa nach einer ViertelstundeKrankenhausLöst die schnellen Stufen ab, wenn die Abweichung länger dauert.

Diese Reserven heißen zusammen Regelleistung. Sie sind die letzte Sicherung. Aber sie sind teuer, und sie reichen nur für kleine Abweichungen. Das große Gleichgewicht muss vorher geplant werden. Und genau dafür gibt es den Markt (Kapitel 2).

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Erzeugung muss in jedem Moment gleich Verbrauch sein, weil Strom kaum speicherbar ist. Das ist die wichtigste Regel des ganzen Lernpfads.
  • Die Frequenz zeigt an, ob das Gleichgewicht stimmt.
  • Reserven sind nur die letzte Sicherung, die Hauptarbeit muss vorher geplant werden.

Auswendig lernen

  • Netzfrequenz in Europa: 50 Hertz.
  • Zu viel Strom: Frequenz steigt. Zu wenig: Frequenz sinkt.
  • Begriff: Regelleistung = Reserve der Übertragungsnetzbetreiber.

Nicht lernen

  • Die Namen und genauen Zeiten der drei Reservestufen. Kommt in einem späteren Kapitel.
  • Bäckerei, Badewanne, Notfall: nur Bilder.

Mini-Quiz

Die Netzfrequenz fällt auf 49,9 Hertz. Was bedeutet das?

Warum reicht es nicht, alles über Reserven zu regeln?

Lektion 1.3 · ca. 25 Minuten

Die Erzeuger und ihre Eigenschaften

Kurzfassung

Fast jedes Kraftwerk ist im Kern ein großer Dynamo: Etwas dreht eine Turbine, ein Generator macht daraus Strom. Nur Solarzellen kommen ganz ohne Drehung aus. Trotzdem kann nicht jedes Kraftwerk das Gleiche. Manche laufen am liebsten rund um die Uhr gleichmäßig (Grundlast, zum Beispiel Braunkohle oder Atomkraft). Andere können in Minuten hoch- und herunterfahren (Spitzenlast, zum Beispiel Gasturbinen). Wind und Sonne liefern sehr günstig, aber nur, wenn das Wetter mitspielt. Zum Glück ergänzen sie sich: Die Sonne ist im Sommer stark, der Wind im Winter. Ein gutes Stromsystem mischt diese Eigenschaften.

Bild zum Merken: eine Fußballmannschaft

Eine Mannschaft besteht nicht aus elf Stürmern. Es gibt Verteidiger, die das ganze Spiel über ruhig ihre Position halten. Es gibt Mittelfeldspieler, die je nach Spielstand mal vorne, mal hinten aushelfen. Und es gibt Einwechselspieler, die nur kurz reinkommen, wenn es brennt. Beim Strom ist es genauso: Jedes Kraftwerk hat eine Rolle, und erst zusammen gewinnen sie das Spiel.

Wie entsteht überhaupt Strom?

Fast alle Kraftwerke funktionieren im Kern wie ein Fahrraddynamo: Etwas dreht sich, und ein Generator macht aus der Drehung Strom. Der Unterschied zwischen den Kraftwerken liegt nur darin, was die Turbine antreibt.

Wärmekraftwerke (Kohle, Atom, Biomasse und die meisten Gaskraftwerke) machen einen Umweg: Sie erhitzen Wasser zu Dampf, und der Dampf treibt die Turbine. Dabei geht viel Energie als Abwärme verloren. Darum stehen neben vielen Kraftwerken große Kühltürme. Ein Kohlekraftwerk macht nur aus etwa 40 % der Energie im Brennstoff Strom, ein modernes Gaskraftwerk aus etwa 60 %.

Wind und Wasser sparen sich den Umweg: Sie drehen die Turbine direkt. Solarzellen sind die große Ausnahme. Bei ihnen dreht sich gar nichts. Licht trifft auf eine dünne Halbleiterschicht und schlägt dort Elektronen los, die als Strom fließen.

Die Erzeuger im Porträt

Zu jeder Technologie siehst du, wie sie funktioniert, wie ihre Produktion über eine typische Woche aussieht und was für und gegen sie spricht. Achte besonders auf die kleinen Kurven: Sie zeigen auf einen Blick, wer gleichmäßig, wer flexibel und wer wetterabhängig liefert.

Fossil und Atom: Wärmekraftwerke mit Brennstoff

AtomkraftGrundlast

Uran wird im Reaktor gespalten. Die Wärme macht Dampf, der Dampf treibt die Turbine.

Läuft monatelang fast unverändert auf voller Leistung.

  • Kaum CO₂
  • Sehr gleichmäßig
  • Wenig Brennstoff nötig
  • Atommüll, ungelöstes Endlager
  • Sehr teuer und langwierig im Bau
  • Träge

In Deutschland seit April 2023 abgeschaltet.

BraunkohleGrundlast

Kohle aus dem Tagebau wird direkt neben dem Kraftwerk verbrannt, die Hitze macht Dampf.

Läuft meist durch, wird bei viel Sonne und Wind nur teilweise heruntergefahren.

  • Heimischer Brennstoff
  • Planbar
  • Höchster CO₂-Ausstoß
  • Tagebaue zerstören Landschaft
  • Sehr träge

Kohleausstieg laut Gesetz spätestens 2038.

SteinkohleMittellast

Wie Braunkohle, aber mit energiereicherer Kohle, die meist per Schiff importiert wird.

Läuft an Werktagen tagsüber, nachts und am Wochenende oft weniger.

  • Steuerbar
  • Flexibler als Braunkohle
  • Hoher CO₂-Ausstoß
  • Abhängig von Importen

Ebenfalls Teil des Kohleausstiegs.

Gas: GuD-KraftwerkMittellast

Zuerst treibt das heiße Abgas direkt eine Gasturbine. Mit der restlichen Hitze wird zusätzlich Dampf gemacht. „GuD“ heißt Gas und Dampf.

Fährt fast jeden Tag hoch und runter, je nach Bedarf und Preis.

  • Flexibel
  • Etwa halb so viel CO₂ wie Kohle
  • Effizientester Brennstoff-Kraftwerkstyp
  • Fossil
  • Gaspreis kann stark schwanken
Gas: GasturbineSpitzenlast

Nur der erste Teil des GuD-Kraftwerks: Das heiße Abgas treibt die Turbine, ohne Dampfkreislauf. Funktioniert wie ein Flugzeugtriebwerk.

Steht meistens still und springt nur für wenige Stunden ein.

  • Startet in Minuten
  • Billig im Bau
  • Teuer pro MWh
  • Verschwendet viel Wärme

Erneuerbar und steuerbar

Biomasse und Biogasflexibel

Holz wird verbrannt oder Pflanzen und Gülle zu Biogas vergoren. Das Gas treibt einen Motor mit Generator an.

Läuft oft gleichmäßig durch. Neuere Anlagen speichern Gas und produzieren gezielt, wenn Strom gebraucht wird.

  • Erneuerbar und trotzdem steuerbar
  • Liefert auch Wärme
  • Braucht viel Fläche
  • Konkurrenz zu Lebensmitteln
  • Vergleichsweise teuer
WasserkraftGrundlast

Fließendes Wasser dreht eine Turbine. Laufwasserkraftwerke stehen in Flüssen, Speicherkraftwerke an Stauseen.

Sehr gleichmäßig, ändert sich nur langsam mit dem Wasserstand über das Jahr.

  • Kein CO₂
  • Sehr langlebig
  • Gleichmäßig
  • In Deutschland kaum Ausbau möglich
  • Abhängig vom Regen
  • Eingriff in Flüsse

Erneuerbar und wetterabhängig

Wind an LandWetter

Der Wind dreht den Rotor, ein Generator in der Gondel macht daraus Strom. Moderne Anlagen sind über 200 Meter hoch.

Folgt dem Wetter: Tage mit viel Produktion wechseln mit fast windstillen Tagen. Auch nachts und im Winter stark.

  • Sehr günstiger Strom
  • Kein CO₂, kein Brennstoff
  • Liefert auch nachts und im Winter
  • Nicht steuerbar
  • Lange Genehmigungen, Akzeptanz
  • Oft weit weg vom Verbrauch
Wind auf SeeWetter

Wie Wind an Land, nur in der Nord- und Ostsee. Der Strom kommt über lange Seekabel an Land.

Ebenfalls wetterabhängig, aber auf See weht der Wind stärker und stetiger.

  • Viele Volllaststunden
  • Viel Platz, wenig Konflikte mit Anwohnern
  • Teuer im Bau
  • Braucht lange Leitungen
  • Weit weg vom Süden
PhotovoltaikWetter

Solarzellen wandeln Licht direkt in Gleichstrom um. Ein Wechselrichter macht daraus den Wechselstrom fürs Netz.

Jeden Tag ein Bogen mit dem Maximum mittags, nachts null. Wolken drücken einzelne Tage.

  • Sehr günstig
  • Schnell gebaut, auch auf Dächern
  • Keine beweglichen Teile
  • Nachts nichts, im Winter wenig
  • Alle Anlagen liefern gleichzeitig

Die kleinen Kurven sind schematische Wochenverläufe (Montag bis Sonntag), keine Messdaten. Wirkungsgrade sind ungefähre Werte.

Zusammengefasst: drei Fragen, um jedes Kraftwerk einzuordnen

1. Kann ich es steuern? Kann der Betreiber selbst entscheiden, wann es läuft? Bei Gas ja, bei Wind nein.

2. Wie schnell reagiert es? Ein Kraftwerk, das Stunden zum Hochfahren braucht, kann nicht auf eine plötzliche Wolke reagieren.

3. Was kostet eine zusätzliche Megawattstunde? Wer Brennstoff kaufen und CO₂-Zertifikate bezahlen muss, hat hohe Kosten pro MWh. Wind und Sonne haben fast keine, weil Wind und Sonnenlicht nichts kosten.

ErzeugerRolleSteuerbar?ReaktionKosten je MWhCO₂
AtomkraftGrundlastja, aber trägelangsamniedrigkeins
BraunkohleGrundlastja, aber trägelangsamniedrig bis mittelsehr hoch
SteinkohleMittellastjamittelmittelhoch
Gas (GuD-Kraftwerk)Mittellastjamittelmittel bis hochmittel
GasturbineSpitzenlastjaschnellhochmittel bis hoch
Biomasseflexibeljamittelmittelgering
WasserkraftGrundlast (Fluss)kaum–sehr niedrigkeins
Windwetterabhängignur abregeln–fast nullkeins
Sonnewetterabhängignur abregeln–fast nullkeins

Vereinfachte Einordnung. „Langsam“ heißt: Hochfahren dauert viele Stunden. „Schnell“ heißt: wenige Minuten.

Warum sind die „langsamen“ Kraftwerke so träge? Ein Braunkohlekraftwerk ist ein riesiger Kessel, der auf Hunderte Grad aufgeheizt werden muss. Das Hoch- und Runterfahren kostet Zeit, Brennstoff und belastet das Material. Darum laufen solche Kraftwerke am liebsten durch. Eine Gasturbine funktioniert eher wie ein Flugzeugtriebwerk: anwerfen, fertig.

Leistung ist nicht gleich Menge

Hier steckt ein häufiger Denkfehler. Ende 2025 waren in Deutschland deutlich mehr Solaranlagen installiert als Windräder. Trotzdem hat Wind fast eineinhalbmal so viel Strom erzeugt. Warum? Die Sonne scheint nachts nie und im Winter nur kurz. Ein Windrad dreht sich dagegen auch nachts und im Winter.

Sonne
117 GW installiert
rund 90 TWh erzeugt
Wind
78 GW installiert (an Land und auf See)
rund 134 TWh erzeugt

Deutschland, Stand Ende 2025. Balken jeweils relativ zum größeren Wert. Quellen: Bundesnetzagentur, AG Energiebilanzen.

Wind und Sonne ergänzen sich über das Jahr

Die Sonne liefert ihr Maximum im Sommer: lange Tage, hoher Sonnenstand. Der Wind weht in Deutschland dagegen im Herbst und Winter am stärksten, wenn Tiefdruckgebiete über das Land ziehen. Zusammen ergibt das über das Jahr einen gleichmäßigeren Verlauf als jede Quelle allein.

Sonne Wind

Schematische Darstellung zum Verstehen der Form, keine Messwerte.

Wer liefert den Strom in Deutschland?

Wind
26,8 %
Sonne
17,6 %
Erdgas
16,7 %
Braunkohle
14,8 %
Biomasse
8,4 %
Steinkohle
5,8 %
Wasser
3,5 %
Sonstige
6,5 %

Anteile an der Bruttostromerzeugung 2025 (gesamt rund 509 TWh). Quelle: AG Energiebilanzen. Die Zahlen ändern sich jedes Jahr, die Reihenfolge ist wichtiger als die Nachkommastellen.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Das Dynamo-Prinzip: Fast alle Kraftwerke drehen eine Turbine, nur Photovoltaik nicht. Damit lassen sich alle Technologien auf eine Grundidee zurückführen.
  • Die typischen Produktionsverläufe: gleichmäßig, flexibel oder wetterabhängig. Darauf baut die ganze Frage auf, wie man Erzeugung und Verbrauch zusammenbringt.
  • Die drei Fragen: steuerbar, wie schnell, Kosten je MWh. Damit kannst du jedes Kraftwerk selbst einordnen, auch eines, das hier nicht steht.
  • Grundlast, Mittellast, Spitzenlast und warum träge Kraftwerke am liebsten durchlaufen.
  • Leistung (GW) ist nicht Menge (TWh). Wichtig, weil Schlagzeilen oft nur die Leistung nennen.
  • Wind und Sonne ergänzen sich über das Jahr.

Auswendig lernen

  • Pro Technologie zwei Vorteile und zwei Nachteile.
  • Wind ist die größte Stromquelle in Deutschland, danach Sonne.
  • Erneuerbare decken gut die Hälfte des Stromverbrauchs.
  • Atomkraft in Deutschland: seit April 2023 abgeschaltet.
  • Sonne: Sommer und mittags. Wind: Winter.

Nicht lernen

  • Die genauen Prozentwerte und GW-Zahlen.
  • Die Tabelle Zelle für Zelle. Die drei Fragen reichen, um sie dir selbst herzuleiten.
  • Fußball-Bild und Jahreskurve.
  • Wirkungsgrade in Prozent und technische Details wie GuD.

Mini-Quiz

Welche Technologie erzeugt Strom, ohne dass sich etwas dreht?

Um 18 Uhr geht überraschend ein großes Kraftwerk vom Netz. Welcher Erzeuger kann am schnellsten einspringen?

Es sind mehr Solaranlagen als Windräder installiert. Warum erzeugt Wind trotzdem mehr Strom?

Warum laufen Braunkohlekraftwerke am liebsten rund um die Uhr?

Lektion 1.4 · ca. 12 Minuten

Speicher

Kurzfassung

Speicher verschieben Strom in der Zeit: Sie nehmen ihn auf, wenn es zu viel gibt, und geben ihn ab, wenn er fehlt. Bei jedem Speicher zählen zwei Dinge: wie stark er laden und entladen kann (Leistung in MW) und wie lange er das durchhält (Menge in MWh). Batterien sind schnell, halten aber nur wenige Stunden. Für lange Flauten im Winter braucht es andere Lösungen, etwa Wasserstoff, und die stehen noch am Anfang.

Bild zum Merken: Kühlschrank, Vorratskeller, Einmachgläser

Der Kühlschrank (Batterie) ist schnell erreichbar, aber klein. Er rettet dich über den Abend. Der Vorratskeller (Pumpspeicher) ist größer, aber du hast nur einen, und du kannst ihn nicht überall bauen. Einmachgläser (Wasserstoff) halten Monate, aber beim Einkochen geht einiges verloren. Ein gut organisierter Haushalt nutzt alle drei.

Verknüpfung zu Lektion 1.2

In Lektion 1.2 war das Stromnetz eine Badewanne, deren Pegel immer gleich bleiben muss. Ohne Speicher gibt es dafür nur einen Weg: Der Wasserhahn (die Kraftwerke) muss sich in jedem Moment genau nach dem Abfluss (dem Verbrauch) richten.

Ein Speicher ist wie ein Eimer neben der Wanne. Läuft gerade mehr Wasser zu als ab, schöpfst du den Überschuss in den Eimer. Sinkt der Pegel, gießt du aus dem Eimer nach. Erzeugung und Verbrauch müssen dann nicht mehr von selbst in jedem Moment zusammenpassen, denn der Eimer gleicht den Unterschied aus.

Der Haken: Verglichen mit der Wanne ist dieser Eimer heute noch klein. Er reicht, um ein paar Stunden zu überbrücken, aber nicht für Tage. Wie klein genau, siehst du weiter unten.

SpeicherWie es funktioniertHält typischWas zurückkommtStärke
BatterieChemisch, wie im Handy, nur größer1 bis 4 Stundenrund 85 bis 90 %sehr schnell, überall baubar
PumpspeicherWasser nach oben pumpen, später durch eine Turbine ablassenmehrere Stundenrund 75 bis 80 %groß, bewährt, aber nur in Bergen
WasserstoffMit Strom Wasserstoff herstellen, lagern, später verbrennenWochen bis Monaterund 30 bis 40 %einziger Weg für sehr lange Zeiträume
WärmespeicherStrom in Wärme umwandeln und speichern (z. B. für Fernwärme)Stunden bis Tagenur als Wärmegünstig, nutzt Überschüsse

Ungefähre Werte zur Orientierung. „Was zurückkommt“ heißt: Von 100 eingespeicherten MWh kommen so viele wieder als Strom (bzw. Wärme) heraus.

Beispiel: Leistung und Menge bei einem Batteriespeicher

Ein Großspeicher hat 100 MW Leistung und 200 MWh Kapazität. Er kann also 100 MW abgeben, aber nur 2 Stunden lang. Oder 50 MW für 4 Stunden. Die Leistung ist die Breite des Wasserhahns, die Kapazität ist die Größe des Tanks.

Wie viel ist schon da?

Ende September 2026 waren in Deutschland Batteriespeicher mit rund 34 GWh Kapazität in Betrieb, die meisten davon kleine Heimspeicher neben Solaranlagen auf Hausdächern. Das klingt viel. Zum Vergleich: Deutschland verbraucht an einem durchschnittlichen Tag rund 1.400 GWh. Alle Batterien zusammen könnten das Land also etwa eine halbe Stunde lang versorgen.

Daraus folgt die wichtigste Erkenntnis: Batterien sind ideal, um Solarstrom vom Mittag in den Abend zu schieben. Für eine windstille Woche im Januar reichen sie nicht. Dafür braucht es weiterhin steuerbare Kraftwerke, Importe oder in Zukunft Langzeitspeicher.

Ein „Speicher“ ohne Speicher: Auch Verbraucher können wie ein Speicher wirken, wenn sie ihren Verbrauch verschieben. Ein Elektroauto, das mittags statt abends lädt, oder eine Wärmepumpe, die das Haus vorheizt, wenn viel Wind weht. Das nennt man Flexibilität. Mehr dazu in Lektion 1.5 und 1.6.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Speicher verschieben Strom in der Zeit. Das löst einen Teil des Gleichgewichtsproblems aus Lektion 1.2.
  • Leistung (MW) gegen Kapazität (MWh): Ohne diese Unterscheidung kann man keinen Speicher beurteilen.
  • Batterien helfen über Stunden, nicht über Wochen. Darum braucht das System weiter steuerbare Kraftwerke.

Auswendig lernen

  • Die drei Haupttypen: Batterie, Pumpspeicher, Wasserstoff.
  • Batterie: kurz und schnell. Wasserstoff: lang, aber verlustreich.

Nicht lernen

  • Die Prozentwerte für Verluste.
  • Die genauen GWh-Zahlen zum Bestand.
  • Das Kühlschrank-Bild.

Mini-Quiz

Ein Speicher hat 50 MW Leistung und 200 MWh Kapazität. Wie lange kann er mit voller Leistung liefern?

Welcher Speicher eignet sich, um Sommerstrom für den Winter aufzuheben?

Lektion 1.5 · ca. 12 Minuten

Der Verbrauch: heute und morgen

Kurzfassung

Deutschland verbraucht heute gut 500 TWh Strom im Jahr. Knapp die Hälfte davon geht in die Industrie, nur ein Viertel in Haushalte. In Zukunft wird er deutlich steigen, weil Autos, Heizungen und Fabriken auf Strom umsteigen. Gleichzeitig wird er flexibler, denn viele neue Verbraucher können wählen, wann sie Strom nehmen.

Wer verbraucht heute?

Industrie
knapp die Hälfte
Gewerbe, Handel, Dienstleistung
gut ein Viertel
Haushalte
ein Viertel
Verkehr
wenige Prozent

Grobe Aufteilung des Stromverbrauchs in Deutschland. Der Bruttostromverbrauch lag 2025 bei rund 517 TWh (Quelle: BDEW).

Zum Einordnen

Ein Zwei-Personen-Haushalt verbraucht grob 2.500 kWh im Jahr. Das sind 2,5 MWh. Für die 517 TWh des ganzen Landes bräuchte man also über 200 Millionen solcher Haushalte. Der private Haushalt ist im Stromsystem ein kleiner Spieler, die Industrie ein großer.

Wann wird verbraucht?

Mindestens so wichtig wie die Frage, wer Strom verbraucht, ist die Frage, wann. Dafür gibt es eine eigene Lektion: die Lastkurve (1.6).

Was sich ändert: Alles wird elektrisch

Bild zum Merken: vom Gasherd zum Induktionsfeld

Wer in eine neue Wohnung zieht und vom Gasherd auf Induktion umsteigt, hat danach eine höhere Stromrechnung, aber keine Gasrechnung mehr. Genau das passiert gerade im ganzen Land: Benzin, Heizöl, Erdgas und Kohle werden durch Strom ersetzt. Der Stromverbrauch steigt, auch wenn insgesamt weniger Energie gebraucht wird.

ElektroautosErsetzen Benzin und Diesel. Können flexibel laden, etwa mittags bei viel Sonne oder nachts bei viel Wind.
WärmepumpenErsetzen Öl- und Gasheizungen. Aus 1 kWh Strom machen sie 3 bis 4 kWh Wärme. Brauchen vor allem im Winter Strom.
ElektrolyseureStellen mit Strom Wasserstoff her, etwa für Stahl und Chemie. Können gezielt laufen, wenn Strom günstig ist.
RechenzentrenWachsen stark, vor allem durch KI. Laufen rund um die Uhr und sind wenig flexibel.
2025
rund 517 TWh
2030
erwartet 600 bis 700 TWh

Erwartung für 2030 laut Energiewende-Monitoring im Auftrag der Bundesregierung (September 2025). Wie stark der Verbrauch wirklich steigt, ist umstritten und hängt vor allem davon ab, wie schnell E-Autos und Wärmepumpen kommen.

Die zweite Veränderung ist mindestens so wichtig: Der neue Verbrauch ist flexibler. Einem Kühlschrank ist es egal, wann der Wind weht. Einem Elektroauto, das die ganze Nacht in der Garage steht, aber auch. Es kann laden, wenn Strom reichlich da ist. Damit wird die alte Regel „Verbrauch ist fest“ nach und nach aufgeweicht.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Die Industrie ist der größte Verbraucher, nicht die Haushalte. Wichtig, um Größenordnungen richtig einzuschätzen.
  • Elektrifizierung: Der Stromverbrauch steigt, weil andere Energieträger ersetzt werden.
  • Neue Verbraucher sind oft flexibel und können so wie ein Speicher wirken.

Auswendig lernen

  • Stromverbrauch Deutschland: gut 500 TWh pro Jahr.
  • Industrie: knapp die Hälfte.
  • Die vier Treiber für mehr Verbrauch: E-Autos, Wärmepumpen, Elektrolyse, Rechenzentren.

Nicht lernen

  • Die genaue Prognose für 2030, sie wird ohnehin regelmäßig angepasst.
  • Den Verbrauch eines Haushalts.
  • Das Herd-Bild.

Mini-Quiz

Warum steigt der Stromverbrauch, obwohl Deutschland insgesamt Energie sparen will?

Welcher neue Verbraucher ist am wenigsten flexibel?

Lektion 1.6 · ca. 20 Minuten · vier Mitmach-Grafiken

Die Lastkurve

Kurzfassung

Die Lastkurve zeigt, wie viel Strom ein Land in jedem Moment verbraucht. Sie hat einen festen Rhythmus: nachts ein Tal, morgens ein steiler Anstieg, abends eine Spitze; werktags hoch, sonntags niedrig; im Winter höher als im Sommer. Wer die Kurve in waagerechte Scheiben schneidet, bekommt Grundlast, Mittellast und Spitzenlast, und daraus folgt, welche Kraftwerke sich für welche Aufgabe lohnen. Weil die Kurve so regelmäßig ist, lässt sie sich gut vorhersagen. In Zukunft verändert sie ihre Form, durch Wärmepumpen, E-Autos und Solaranlagen auf Dächern.

Was du schon weißt

In Lektion 1.5 hast du gesehen, wer wie viel Strom verbraucht. Jetzt geht es darum, wann. Für das Stromsystem ist das „wann“ mindestens so wichtig, denn Erzeugung und Verbrauch müssen in jedem Moment gleich sein (Lektion 1.2).

Kleine Geschichte: die Halbzeitpause

Wasserwerke kennen ein seltsames Phänomen. Während eines großen Fußballspiels sinkt der Wasserverbrauch einer Stadt fast auf null. Dann pfeift der Schiedsrichter zur Halbzeit, und innerhalb von Minuten gehen Hunderttausende auf die Toilette. Der Verbrauch schießt nach oben. Die Wasserwerke planen ihre Pumpen deshalb nach dem Spielplan. Beim Strom ist es genauso: Der Verbrauch folgt dem Alltag der Menschen, und wer diesen Alltag kennt, kann die Kurve vorhersagen.

Ein Tag im Detail

So sieht ein typischer Werktag im Winter in Deutschland aus. Die Kurve hat fünf Abschnitte, die sich jeden Tag wiederholen.

Vereinfachter Beispieltag, keine echten Messdaten.

  1. Nachttal (0 bis 5 Uhr)Die meisten schlafen, Büros sind leer. Es laufen nur Dinge, die immer laufen: Kühlschränke, Straßenlaternen, Server, Fabriken im Schichtbetrieb.
  2. Morgenrampe (5 bis 8 Uhr)Licht an, Kaffeemaschine an, Fabriken und Büros starten. Die Last steigt in drei Stunden um ein Drittel. Für Kraftwerke ist das die anstrengendste Zeit des Tages.
  3. Tagesplateau (8 bis 16 Uhr)Arbeit, Schule, Handel. Die Last bleibt hoch, mit einem kleinen Buckel zur Mittagszeit, wenn gekocht wird.
  4. Abendspitze (17 bis 19 Uhr)Im Winter ist es schon dunkel. Die Büros sind noch nicht ganz leer, zu Hause gehen Licht, Herd und Fernseher an. Das ist die höchste Last des Tages.
  5. Abklingen (ab 20 Uhr)Betriebe schließen, Haushalte gehen schlafen. Die Last sinkt Schritt für Schritt zurück ins Nachttal.

Eine Woche

Vereinfachte Beispielwoche, keine echten Messdaten.

Montag bis Freitag sehen fast gleich aus. Der Samstag ist deutlich flacher, der Sonntag ist der Tag mit dem geringsten Verbrauch der Woche. Feiertage verhalten sich wie Sonntage. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist eine der ruhigsten des ganzen Jahres, weil viele Betriebe Pause machen.

Ein Jahr

Durchschnittliche Last je Monat, vereinfachte Beispielwerte.

Im Winter ist es länger dunkel und kälter, also wird mehr beleuchtet und elektrisch geheizt. Im Sommer ist der Verbrauch am niedrigsten. Anders als in heißen Ländern spielen Klimaanlagen in Deutschland bisher kaum eine Rolle.

Grob liegt die Last in Deutschland zwischen etwa 35 GW (eine Feiertagsnacht im Sommer) und knapp 80 GW (ein kalter, dunkler Winterabend an einem Werktag). Den höchsten Wert eines Jahres nennt man Jahreshöchstlast. Auf diesen einen Moment muss das ganze System vorbereitet sein.

Grundlast, Mittellast, Spitzenlast

Schneidet man die Tageskurve in drei waagerechte Scheiben, sieht man drei Arten von Bedarf. Die unterste Scheibe ist immer da, Tag und Nacht. Die mittlere kommt jeden Tag zuverlässig, aber nur für einige Stunden. Die oberste ist nur kurz da, in den Spitzen.

Tag:
Grundlast: rund um die Uhr Mittellast: tagsüber, gut planbar Spitzenlast: nur wenige Stunden

Vereinfachter Beispieltag. Die Grenzen zwischen den Scheiben sind fest gewählt, damit man den Vergleich zwischen den Tagen sieht.

Die Jahresdauerlinie: das ganze Jahr auf einen Blick

Jetzt ein Trick, den Energiewirtschaftler ständig benutzen. Nimm alle 8.760 Stunden eines Jahres und sortiere sie: die Stunde mit der höchsten Last ganz links, die mit der niedrigsten ganz rechts. Die Uhrzeit spielt keine Rolle mehr. Heraus kommt eine fallende Kurve, die Jahresdauerlinie. Sie beantwortet eine einzige Frage: Wie viele Stunden im Jahr wird eine bestimmte Leistung gebraucht?

Grundlast Mittellast Spitzenlast

Aus einem vereinfachten Beispieljahr berechnet, keine echten Messdaten.

Das Ergebnis noch einmal in Ruhe: Bei 70 MW und 100 €/MWh treffen sich die Treppen.

• Windpark und Gaskraftwerk verkaufen komplett, das Kohlekraftwerk 20 seiner 25 MW. Es ist das letzte Kraftwerk, das noch gebraucht wird, und setzt deshalb den Preis.
• Industriebetrieb und Stadtwerk kaufen komplett.
• Der Elektrolyseur geht leer aus, er wollte höchstens 70 €/MWh zahlen. Die Gasturbine auch, sie wollte mindestens 135 €/MWh.
• Alle zahlen und bekommen 100 €/MWh. Auch der Windpark, der ab 0 €/MWh verkauft hätte, und auch der Industriebetrieb, der bis 200 €/MWh gezahlt hätte.

Bild zum Merken: Auto kaufen oder mieten?

Wer jeden Tag zur Arbeit pendelt, kauft sich ein Auto. Der Kaufpreis ist hoch, aber jede einzelne Fahrt ist günstig. Wer nur dreimal im Jahr einen Umzug macht, mietet einen Transporter. Die Miete pro Tag ist teuer, aber man zahlt nichts, solange man ihn nicht braucht. Kraftwerke funktionieren genauso. Für die Grundlast, die das ganze Jahr gebraucht wird, lohnen sich Kraftwerke, die teuer im Bau, aber billig im Betrieb sind. Für die Spitzenlast, die nur wenige Stunden kommt, lohnen sich Kraftwerke, die billig im Bau sind, auch wenn jede MWh teuer ist.

Verknüpfung zu Lektion 1.3

Jetzt verstehst du, woher die Rollen in der Tabelle aus 1.3 kommen. Braunkohle und Atomkraft: teuer zu bauen, billig im Betrieb, also Grundlast. Gasturbinen: billig zu bauen, teuer im Betrieb, also Spitzenlast. Die Jahresdauerlinie ist die Begründung dafür.

Wie man die Kurve vorhersagt

Weil die Kurve so regelmäßig ist, lässt sie sich gut prognostizieren. Die wichtigsten Zutaten:

KalenderWochentag, Feiertag, Schulferien, Brückentage. Der stärkste Einfluss überhaupt.
WetterTemperatur (Heizen), Helligkeit (Licht), und neuerdings Sonne auf den Dächern.
Uhrzeit und JahreszeitWann es hell und dunkel wird, verschiebt die Morgen- und Abendspitze.
Besondere EreignisseGroße Fußballspiele, Streiks, Sonnenfinsternisse. Selten, aber spürbar.

Für Millionen von Haushalten gibt es keine Messung pro Viertelstunde. Ihr Zähler wird nur einmal im Jahr abgelesen. Damit trotzdem geplant werden kann, nimmt man für sie eine typische Musterkurve an, ein Standardlastprofil. Es beschreibt, wie ein durchschnittlicher Haushalt über Tag, Woche und Jahr Strom verbraucht. Der Branchenverband BDEW hat 2025 neue Profile veröffentlicht, darunter erstmals eigene Profile für Haushalte mit Solaranlage oder Batteriespeicher. Warum diese Musterkurven für den Markt so wichtig sind, siehst du in Kapitel 2.

Wie sich die Kurve verändert

Die neuen Verbraucher aus Lektion 1.5 verändern nicht nur, wie viel Strom gebraucht wird, sondern auch wann. Ob das gut oder schlecht für das System ist, hängt davon ab, ob sie gesteuert werden. Probier es aus:

Szenario:
……
heute (gestrichelt) gewähltes Szenario

Gedankenexperiment für einen Wintertag mit mehr Wärmepumpen, E-Autos und Solaranlagen auf Dächern. Keine Prognose.

Ungesteuert stecken alle ihr E-Auto nach Feierabend an, und die Wärmepumpen laufen dann, wenn es am kältesten ist. Die Abendspitze wächst stark, und genau für diese Spitze müssten Kraftwerke und Netze ausgebaut werden. Gleichzeitig decken Solaranlagen auf Dächern mittags einen Teil des Bedarfs selbst, sodass das Netz in diesen Stunden weniger liefern muss.

Gesteuert laden die Autos mittags oder nachts, und die Wärmepumpen heizen das Haus vor, bevor die Abendspitze kommt. Es wird genauso viel Strom verbraucht, aber die Kurve ist flacher. Eine flache Kurve ist billiger, weil weniger Spitzenkraftwerke und weniger Netzausbau nötig sind.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Die Last folgt dem Alltag der Menschen und hat deshalb einen festen Rhythmus über Tag, Woche und Jahr. Darum ist sie gut vorhersagbar.
  • Grundlast, Mittellast, Spitzenlast als Scheiben der Kurve.
  • Die Jahresdauerlinie und die Idee „Auto kaufen oder mieten“. Das ist die Begründung, warum es verschiedene Kraftwerkstypen gibt.
  • Eine flache Kurve ist billiger als eine spitze. Darum ist gesteuerter Verbrauch so wertvoll.

Auswendig lernen

  • Die fünf Abschnitte eines Tages: Nachttal, Morgenrampe, Tagesplateau, Abendspitze, Abklingen.
  • Sonntag und Feiertage niedrig, Winter höher als Sommer.
  • Grundlast = immer da, Mittellast = tagsüber, Spitzenlast = nur kurz.
  • Begriffe: Jahreshöchstlast, Jahresdauerlinie, Standardlastprofil.
  • Ein Jahr hat 8.760 Stunden.

Nicht lernen

  • Die genauen Uhrzeiten der Abschnitte.
  • Alle Zahlen in den Grafiken und die genauen GW-Werte der Höchst- und Tiefstlast.
  • Die Namen einzelner Standardlastprofile.
  • Die Halbzeit-Geschichte und das Auto-Bild.

Mini-Quiz

Wann ist der Stromverbrauch in Deutschland typischerweise am niedrigsten?

Warum ist die Abendspitze im Winter besonders hoch?

Für welchen Teil der Lastkurve lohnt sich eine Gasturbine, die billig zu bauen, aber teuer im Betrieb ist?

Was zeigt die Jahresdauerlinie?

Was passiert mit der Lastkurve, wenn E-Autos gesteuert mittags laden statt abends?

Lektion 1.7 · ca. 15 Minuten · mit Mitmach-Grafik

Erzeugung und Verbrauch zusammenschalten

Kurzfassung

Jetzt setzen wir alles zusammen. Ausgangspunkt ist der Verbrauch. Zuerst wird genommen, was Wind und Sonne gerade liefern, weil es fast nichts kostet. Was dann noch fehlt, heißt Residuallast (wörtlich: „Rest-Last“). Diese Lücke füllen Speicher, steuerbare Kraftwerke und Importe. Gibt es umgekehrt zu viel Strom, wird gespeichert, exportiert oder abgeregelt. Am schwierigsten ist die Dunkelflaute: kein Wind, keine Sonne, über Tage.

Was du schon weißt

Aus 1.3 kennst du die Erzeuger und ihre Rollen, aus 1.4 die Speicher, aus 1.5 und 1.6 den Verbrauch und seine Lastkurve. Diese Lektion ist das Puzzle, in dem alle Teile zusammenpassen müssen, und zwar in jeder Viertelstunde.

Bild zum Merken: das Familienessen

Für ein Familienfest braucht ihr Essen für 60 Personen. Die Nachbarn haben angeboten, Salat mitzubringen, aber wie viel, hängt davon ab, was in ihrem Garten gerade reif ist. Alles, was die Nachbarn nicht mitbringen, müsst ihr selbst kochen. Der Bedarf ist der Verbrauch, die Nachbarn sind Wind und Sonne, und euer eigenes Kochen ist die Residuallast.

Wind an diesem Tag:
Sonne:
… …
Verbrauch Wind und Sonne zusammen Residuallast (muss anders gedeckt werden)

Vereinfachter Beispieltag für Deutschland, keine echten Messdaten.

Was du beim Ausprobieren sehen solltest: An einem windigen Sommertag schrumpft die gelbe Fläche mittags auf null. Dann gibt es sogar mehr Strom als Verbrauch. An einem windstillen Winterabend ist die gelbe Fläche riesig. Das Stromsystem muss beides können.

Wer füllt die Lücke? Der Turm

Stell dir die Residuallast als Turm mit Stockwerken vor. Gebaut wird von unten nach oben: Zuerst kommen die Kraftwerke, die ohnehin laufen und günstig sind. Je größer die Lücke, desto mehr Stockwerke braucht man, und je weiter oben ein Stockwerk liegt, desto teurer ist der Strom daraus.

▲ Oben: teuer, wird zuletzt eingeschaltet
  1. Stockwerk 1: GrundlastLaufwasser, Biomasse, Braunkohle. Sie laufen meist sowieso durch.
  2. Stockwerk 2: MittellastSteinkohle und moderne Gaskraftwerke. Sie fahren je nach Bedarf hoch und runter.
  3. Stockwerk 3: Speicher entladenBatterien und Pumpspeicher geben ab, was sie zu günstigen Zeiten geladen haben. Sie lohnen sich vor allem in den teuren Stunden.
  4. Stockwerk 4: SpitzenlastGasturbinen. Nur für die wenigen Stunden mit der größten Lücke.
▼ Unten: günstig, läuft ohnehin

Vereinfachte Reihenfolge. Importe haben kein festes Stockwerk: Strom aus Nachbarländern kommt immer dann, wenn er günstiger ist als das nächste Stockwerk im eigenen Land.

Und wenn zu viel Strom da ist?

SpeichernBatterien und Pumpspeicher laden.
Verbrauch verschiebenE-Autos laden, Wärmepumpen heizen vor, Elektrolyseure laufen.
ExportierenNachbarländer nehmen den Strom ab, soweit die Leitungen reichen.
AbregelnWind- und Solaranlagen werden heruntergefahren. Die letzte, verschwenderische Möglichkeit.
Der schwierigste Fall: die Dunkelflaute

Eine Woche im Januar, Hochdruckwetter: kaum Wind, Nebel, kurze Tage. Wind und Sonne liefern fast nichts, und weil Winter ist, ist der Verbrauch hoch. Batterien sind nach wenigen Stunden leer (Lektion 1.4). Jetzt muss fast die gesamte Last von steuerbaren Kraftwerken und Importen kommen. Darum kann ein Land mit viel Wind und Sonne nicht einfach alle anderen Kraftwerke abschalten, solange es keine Langzeitspeicher gibt.

Erst ganz zum Schluss die Regel als Satz:

Residuallast = Verbrauch minus Wind minus Sonne

Verknüpfung zu Kapitel 3

Kurz zurück zum Turm aus der Mitte dieser Lektion: Die Residuallast wird Stockwerk für Stockwerk gefüllt. Unten stehen die günstigen Kraftwerke, die ohnehin laufen, ganz oben die teuren Gasturbinen. An einem windigen Tag reichen die unteren Stockwerke, an einem windstillen Winterabend braucht man fast den ganzen Turm.

Genau daraus entsteht der Strompreis. In Kapitel 3 lernst du: Das oberste Stockwerk, das gerade noch gebraucht wird, bestimmt den Preis für alle.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Residuallast als Lücke zwischen Verbrauch und Wind plus Sonne. Daraus folgt später, welche Kraftwerke laufen und wie hoch der Preis ist.
  • Der Turm: Die Lücke wird von unten nach oben gefüllt, erst günstig und träge, oben teuer und schnell. Daraus entsteht in Kapitel 3 der Strompreis.
  • Warum die Dunkelflaute der Härtetest ist.

Auswendig lernen

  • Residuallast = Verbrauch minus Wind minus Sonne.
  • Begriff Dunkelflaute: wenig Wind und wenig Sonne über mehrere Tage.
  • Vier Wege bei Überschuss: speichern, verschieben, exportieren, abregeln.

Nicht lernen

  • Die Zahlen in der Grafik.
  • Welches Kraftwerk genau in welchem Stockwerk steht, die Reihenfolge ist vereinfacht.
  • Das Familienessen.

Mini-Quiz

Verbrauch 60 GW, Wind 25 GW, Sonne 15 GW. Wie groß ist die Residuallast?

Wann ist die Residuallast typischerweise am größten?

Mittags gibt es mehr Solarstrom als Verbrauch. Was ist die schlechteste der Möglichkeiten?

Lektion 1.8 · ca. 8 Minuten

Die Grenzen des Netzes

Kurzfassung

Jede Leitung kann nur eine bestimmte Menge Strom transportieren. In Deutschland wird viel Windstrom im Norden erzeugt, aber viel Strom im Süden und Westen verbraucht. Wenn die Leitungen dazwischen voll sind, entsteht ein Engpass. Dann reicht es nicht, dass Erzeugung und Verbrauch insgesamt zusammenpassen: Der Strom muss auch dorthin kommen, wo er gebraucht wird.

Bild zum Merken: Stau auf der Autobahn

In Hamburg stehen 1.000 Pakete, in München warten 1.000 Kunden. Auf dem Papier passt alles. Aber wenn auf der Autobahn nach Süden nur Platz für 600 Pakete ist, kommen 400 nicht an. Dann muss man in München 400 Pakete aus einem anderen Lager holen und in Hamburg 400 liegen lassen.

Genau das passiert im Stromnetz an windigen Tagen. Der Netzbetreiber greift dann ein: Er lässt Windparks im Norden abregeln (weniger erzeugen) und Kraftwerke im Süden hochfahren. So wird der Stromfluss so umgelenkt, dass die Leitungen nicht überlastet werden. Diese Eingriffe kosten jedes Jahr viel Geld, das am Ende über die Netzentgelte alle Stromkunden bezahlen.

Die dauerhafte Lösung ist der Netzausbau: neue große Leitungen von Nord nach Süd. Sie werden gebaut, aber das dauert viele Jahre.

Verknüpfung zu Kapitel 2

Jetzt kennst du die zwei physikalischen Probleme: Erstens muss die Menge in jedem Moment stimmen (Gleichgewicht). Zweitens muss der Strom auch transportiert werden können (Netzgrenzen). Im nächsten Kapitel siehst du, wie der Markt das erste Problem löst, und warum er das zweite Problem innerhalb Deutschlands bewusst ignoriert.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Gleichgewicht insgesamt reicht nicht, der Strom muss auch an den richtigen Ort. Das ist das zweite große Problem neben dem Gleichgewicht.
  • Warum Engpässe in Deutschland vor allem von Nord nach Süd auftreten: Wind im Norden, Verbrauch im Süden und Westen.

Auswendig lernen

  • Engpass = Leitung ist voll.
  • Gegenmaßnahme kurzfristig: im Norden abregeln, im Süden hochfahren. Langfristig: Netzausbau.

Nicht lernen

  • Namen einzelner Leitungsprojekte.
  • Kostenzahlen für Netzeingriffe.

Mini-Quiz

Es ist sehr windig im Norden, die Leitungen nach Süden sind voll. Was tut der Netzbetreiber?

Welche zwei physikalischen Probleme muss das Stromsystem lösen?

Ende Kapitel 1

Abschluss-Checkliste

Verstehen

  • Warum Erzeugung und Verbrauch jederzeit gleich sein müssen
  • Die drei Fragen, mit denen man jedes Kraftwerk einordnet
  • Leistung gegen Menge, bei Kraftwerken und Speichern
  • Den Rhythmus der Lastkurve über Tag, Woche und Jahr
  • Residuallast und wer sie füllt
  • Warum Engpässe entstehen

Erklären können

  • Die zwei Probleme des Systems: Gleichgewicht und Transport
  • Warum Wind mehr Strom erzeugt als Sonne, obwohl weniger installiert ist
  • Warum Batterien keine Dunkelflaute überbrücken
  • Warum der Stromverbrauch steigen wird
  • Mit der Jahresdauerlinie, warum es Grund-, Mittel- und Spitzenlastkraftwerke gibt

Auswendig können

  • 50 Hertz
  • Grundlast, Mittellast, Spitzenlast
  • Die fünf Abschnitte eines Tages
  • Batterie, Pumpspeicher, Wasserstoff
  • Verbrauch gut 500 TWh, Industrie knapp die Hälfte
  • Residuallast = Verbrauch minus Wind minus Sonne

Nicht lernen müssen

  • Prozentwerte, GW- und TWh-Zahlen im Detail
  • Spannungsstufen, Reservezeiten, Wirkungsgrade
  • Alle Alltagsbilder und Grafiken

Weiter geht es mit Kapitel 2: Die Rolle des Marktes.

Kapitel 2

Die Rolle des Marktes

Kapitel 1 hat die Aufgabe gezeigt: Tausende Kraftwerke und Millionen Verbraucher müssen in jeder Viertelstunde zusammenpassen, und der Strom muss auch dorthin kommen, wo er gebraucht wird. In diesem Kapitel siehst du, wie der Markt diese Aufgabe löst, und an welchen Stellen er die Physik bewusst ausklammert. Sechs Lektionen, vom Grundprinzip bis zum Leben einer einzelnen Viertelstunde.

Lektion 2.1 · ca. 12 Minuten

Warum überhaupt ein Markt?

Kurzfassung

Früher hat in jeder Region ein einziges Unternehmen alles zentral geplant: Kraftwerke, Netz und Kunden. Heute planen viele Firmen jede für sich, und der Preis sorgt dafür, dass ihre Pläne zusammenpassen. Wichtig: Am Markt werden keine Elektronen gehandelt, sondern Versprechen, wer in welcher Viertelstunde wie viel Strom einspeist oder entnimmt. Die Physik läuft trotzdem in Echtzeit weiter. Drei „Brücken“ sorgen dafür, dass Papier und Physik zusammenpassen.

Was du schon weißt

Aus Kapitel 1 kennst du die zwei Probleme des Stromsystems: das Gleichgewicht in jedem Moment (1.2) und den Transport an den richtigen Ort (1.8). Behalte beide im Kopf, dieses Kapitel löst sie nacheinander.

Früher und heute

Früher: ein Unternehmen plant allesBis Ende der 1990er Jahre gehörten in vielen Regionen Kraftwerke, Leitungen und Kundenverträge einem einzigen Versorger. Eine zentrale Leitstelle entschied, welches Kraftwerk wann läuft. Das funktionierte, aber ohne Wettbewerb gab es wenig Druck, günstiger zu werden.
Heute: viele planen, der Preis koordiniertSeit der Öffnung des Strommarktes 1998 darf jeder Strom erzeugen, handeln und verkaufen. Niemand befiehlt den Kraftwerken. Jede Firma entscheidet selbst, und der Preis zeigt ihr, ob sich Erzeugen gerade lohnt.
Bild zum Merken: der Stromsee

Stell dir das Stromnetz als großen See vor. Alle Kraftwerke schütten Wasser hinein, alle Verbraucher schöpfen heraus. Wenn ein Windpark in Ostfriesland Strom an eine Fabrik in München verkauft, fließt sein Strom nicht nach München. Er landet im See und wird vom nächsten Verbraucher genutzt, wahrscheinlich vom Nachbardorf. Die Fabrik schöpft ihren Strom aus dem gleichen See. Der Vertrag regelt nur, wer wie viel hineinschüttet und herausnimmt und wer wen dafür bezahlt. Darum bekommt auch jemand mit Ökostromtarif physikalisch denselben Strom wie sein Nachbar.

Zwei Ebenen: Papier und Physik

Der Markt arbeitet mit Plänen und Versprechen, und zwar vorher: Jahre, Tage oder Minuten bevor der Strom fließt. Die Physik dagegen passiert jetzt. Damit beides zusammenpasst, gibt es drei Brücken, und jede bekommt in diesem Kapitel eine eigene Lektion:

• Bilanzkreis (2.3): Jede Firma muss für jede Viertelstunde einen Plan haben, der aufgeht.
• Regelenergie (2.4): Was trotz guter Planung danebengeht, gleicht der Netzbetreiber in Echtzeit aus.
• Redispatch (2.5): Wenn ein Plan zwar mengenmäßig aufgeht, die Leitungen ihn aber nicht transportieren können, greift der Netzbetreiber ein.

Warum ausgerechnet Viertelstunden?

Die Physik verlangt das Gleichgewicht in jeder Sekunde. Für jede Sekunde einen eigenen Vertrag zu schließen, wäre aber unmöglich. Die Viertelstunde ist der Kompromiss: fein genug, um den Verlauf der Lastkurve (1.6) abzubilden, grob genug, um handelbar zu bleiben. Was innerhalb einer Viertelstunde hin und her schwankt, fängt die Regelenergie auf.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Der Markt ersetzt die zentrale Planung: Viele planen, der Preis koordiniert. Das ist die Grundidee des ganzen Kapitels.
  • Gehandelt werden Versprechen pro Viertelstunde, keine Elektronen. Der Strom selbst fließt immer in den gemeinsamen See.
  • Die drei Brücken zwischen Markt und Physik. Sie sind der rote Faden der nächsten Lektionen.

Auswendig lernen

  • Öffnung des Strommarktes: 1998.
  • Die drei Brücken: Bilanzkreis, Regelenergie, Redispatch.
  • Handelseinheit: die Viertelstunde.

Nicht lernen

  • Wie die Versorger vor 1998 organisiert waren.
  • Das Bild vom Stromsee als solches, nur die Idee dahinter.

Mini-Quiz

Eine Fabrik in München kauft Windstrom von einem Windpark an der Nordsee. Woher kommt der Strom, den die Fabrik physikalisch verbraucht?

Was wird am Strommarkt eigentlich gehandelt?

Lektion 2.2 · ca. 12 Minuten

Wer macht mit?

Kurzfassung

Am Strommarkt sind Ware und Straße getrennt. Erzeuger, Händler und Lieferanten kümmern sich um die Ware Strom und stehen im Wettbewerb. Die Netzbetreiber kümmern sich um die Leitungen. Weil es pro Gebiet nur ein Netz gibt, sind sie Monopole und werden von der Bundesnetzagentur überwacht. Diese Trennung heißt Entflechtung. Sie spiegelt sich sogar auf deiner Stromrechnung wider.

Bild zum Merken: Onlineshop und Straße

Du bestellst Turnschuhe bei einem Onlineshop deiner Wahl. Gebracht werden sie aber über öffentliche Straßen, und die Straße vor deiner Haustür kannst du dir nicht aussuchen. Beim Strom ist es genauso: Den Stromanbieter kannst du jederzeit wechseln, die Leitung in dein Haus nicht. Damit der Straßenbesitzer seine Stellung nicht ausnutzt, darf er keine Schuhe verkaufen und muss jeden Shop zu gleichen Bedingungen fahren lassen.

Die Ware: Wettbewerb

ErzeugerBetreiber von Windparks, Solaranlagen, Gas- und Kohlekraftwerken. Sie wollen ihren Strom verkaufen.
Händler und DirektvermarkterKaufen und verkaufen Strom, oft ohne eigenes Kraftwerk. Direktvermarkter bündeln zum Beispiel viele Windparks und bringen deren Strom an die Börse.
StrombörsenDie Marktplätze. Für kurzfristigen Handel vor allem die EPEX SPOT, für langfristigen die EEX. Viel wird auch direkt zwischen zwei Firmen gehandelt, ohne Börse.
LieferantenDie Firma auf deiner Stromrechnung. Sie kauft Strom ein und verkauft ihn an Haushalte und Betriebe.
Große VerbraucherIndustriebetriebe kaufen oft selbst an der Börse oder schließen direkt Verträge mit Windparks und Solarparks ab.

Die Straße: reguliert

ÜbertragungsnetzbetreiberDie vier Betreiber der „Autobahn“ (1.1). Sie halten das Gleichgewicht und sind für Regelenergie und Redispatch zuständig.
VerteilnetzbetreiberDie vielen Betreiber der „Landstraßen“, oft Stadtwerke. Sie schließen Haushalte und die meisten Wind- und Solaranlagen an.
BundesnetzagenturDie Aufsicht. Sie legt fest, wie viel die Netzbetreiber für ihre Leitungen verlangen dürfen, und schreibt viele Marktregeln vor.

Eine Rolle fehlt noch, und sie ist die wichtigste für dieses Kapitel: der Bilanzkreisverantwortliche. Das ist keine eigene Firmenart, sondern eine Aufgabe, die Lieferanten, Händler und Direktvermarkter übernehmen. Was genau dahintersteckt, ist Thema der nächsten Lektion.

Die Trennung auf deiner Stromrechnung

Energie (Einkauf, Vertrieb)
Wettbewerb
Netzentgelte
reguliert
Steuern und Abgaben
vom Staat

Dein Strompreis besteht aus drei Teilen. Nur auf den ersten hat dein Lieferant Einfluss, und nur hier spart ein Anbieterwechsel Geld. Die Netzentgelte zahlst du an den Netzbetreiber, egal bei wem du Strom kaufst. Darin stecken auch die Kosten für den Netzausbau und für den Redispatch aus Lektion 2.5. Steuern und Abgaben legt der Staat fest.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Ware (Wettbewerb) und Straße (reguliertes Monopol) sind getrennt. Das ist der Grundaufbau des Marktes.
  • Warum das Netz überwacht werden muss: Es gibt keinen Wettbewerb, der die Preise drückt.
  • Die drei Teile des Strompreises und welcher davon vom Wettbewerb abhängt.

Auswendig lernen

  • Die Rollen: Erzeuger, Händler und Direktvermarkter, Börse, Lieferant, Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber, Bundesnetzagentur.
  • EPEX SPOT = kurzfristig, EEX = langfristig.
  • Begriff: Entflechtung.

Nicht lernen

  • Namen einzelner Netzbetreiber oder Lieferanten.
  • Rechtliche Details der Entflechtung.
  • Das Schuh-Bild.

Mini-Quiz

Welcher Teil des Strommarktes ist ein reguliertes Monopol?

Du wechselst den Stromanbieter. Welcher Teil deiner Rechnung kann sich dadurch ändern?

Lektion 2.3 · ca. 18 Minuten · mit Mitmach-Grafik

Der Bilanzkreis

Kurzfassung

Jede Stelle, an der Strom ins Netz geht oder herauskommt, gehört zu einem Bilanzkreis. Ein Bilanzkreis ist wie ein Konto: Auf der einen Seite stehen Erzeugung und Einkäufe, auf der anderen Verbrauch und Verkäufe. Ein Verantwortlicher muss dafür sorgen, dass sich beide Seiten in jeder Viertelstunde ausgleichen. Der Trick dahinter: Wenn jedes einzelne Konto aufgeht, dann geht automatisch auch das ganze Netz auf. Die Badewannen-Regel aus Kapitel 1 wird so auf Tausende Firmen verteilt.

Verknüpfung

Das ist die erste Brücke aus Lektion 2.1. Sie löst das Gleichgewichtsproblem aus Lektion 1.2, und zwar nicht zentral, sondern indem jede Firma für ihren eigenen Teil verantwortlich ist.

Bild zum Merken: die Gruppenreise

Eine Reisegruppe von 40 Leuten will zusammen ins Restaurant. Statt dass ein Koch für die ganze Stadt plant, wie viele Gäste kommen, meldet jeder Reiseleiter seine Gruppe vorher an: „Wir kommen um 18 Uhr mit 40 Personen.“ Jeder Reiseleiter ist für seine eigenen Leute verantwortlich. Wenn alle Reiseleiter richtig planen, passt am Ende auch die Gesamtzahl in der Küche. Bringt ein Reiseleiter unangemeldet fünf Leute mehr mit, muss das Restaurant improvisieren, und das kostet ihn einen Aufschlag.

Was steht auf dem Konto?

ZugängeStrom aus eigenen Anlagen, die dem Bilanzkreis zugeordnet sind, und alles, was eingekauft wurde (an der Börse oder direkt).
AbgängeDer Verbrauch der eigenen Kunden und alles, was verkauft wurde.

Für jede Viertelstunde muss gelten: Zugänge gleich Abgänge. Verantwortlich dafür ist der Bilanzkreisverantwortliche. Diese Rolle übernehmen Lieferanten, Händler, Direktvermarkter und große Industriebetriebe. Er schließt dafür einen Vertrag mit dem Übertragungsnetzbetreiber, in dessen Gebiet sein Bilanzkreis liegt.

Wichtig ist: Ausgeglichen heißt zunächst geplant ausgeglichen. Am Vortag meldet der Verantwortliche bis 14:30 Uhr dem Übertragungsnetzbetreiber seine Fahrpläne, also für jede Viertelstunde des nächsten Tages, wie viel er von wem kauft und an wen er verkauft. Ändert sich etwas, etwa durch eine neue Wetterprognose, kann er bis kurz vor der Lieferung nachhandeln und die Fahrpläne anpassen.

Probier es aus: zwei Bilanzkreise

Bilanzkreis von:

…

Zugänge
…
Abgänge
…
……

Was du sehen solltest: Solange die Prognose stimmt, ist das Konto ausgeglichen. Sobald die Wirklichkeit abweicht, ist der Bilanzkreis unterdeckt (es fehlt Strom) oder überdeckt (es ist zu viel da). Beim Stadtwerk entsteht die Abweichung durch den Verbrauch der Kunden, beim Windpark durch den Wind. Im Netz wird die Lücke natürlich trotzdem sofort gefüllt, denn der Strom fließt ja im gemeinsamen See. Wer die Lücke füllt und wer dafür bezahlt, klärt Lektion 2.4.

Woher kennt man den Verbrauch von Millionen Haushalten?

Große Kunden haben Zähler, die jede Viertelstunde messen. Die meisten Haushalte aber werden nur einmal im Jahr abgelesen. Hier kommt das Standardlastprofil aus Lektion 1.6 ins Spiel: Für diese Kunden wird angenommen, dass sie genau nach der Musterkurve verbrauchen. Der Lieferant plant seinen Bilanzkreis also mit der Musterkurve, und abgerechnet wird ebenfalls danach. Mit intelligenten Zählern, die jede Viertelstunde messen, wird das nach und nach genauer.

Warum ist dieses System so clever?

Niemand muss das ganze Land überblicken. Das Stadtwerk kennt seine Kunden, der Direktvermarkter kennt seine Windparks. Jeder plant nur seinen eigenen Teil, und trotzdem ergibt die Summe aller ausgeglichenen Bilanzkreise ein ausgeglichenes Netz. Die zentrale Leitstelle von früher (Lektion 2.1) wurde durch Tausende kleine Konten ersetzt.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Bilanzkreis als Konto: Zugänge gleich Abgänge, in jeder Viertelstunde. Das ist der wichtigste Mechanismus, der Markt und Physik verbindet.
  • Wenn alle Bilanzkreise aufgehen, geht das ganze Netz auf. Darum funktioniert das System ohne zentrale Planung.
  • Unterdeckt und überdeckt: woher Abweichungen kommen.

Auswendig lernen

  • Begriffe: Bilanzkreis, Bilanzkreisverantwortlicher, Fahrplan, unterdeckt, überdeckt.
  • Fahrpläne für den Folgetag: bis 14:30 Uhr an den Übertragungsnetzbetreiber.
  • Haushalte ohne Viertelstundenmessung: Standardlastprofil.

Nicht lernen

  • Vertragsdetails zwischen Bilanzkreisverantwortlichem und Netzbetreiber.
  • Die Zahlen im Mitmach-Beispiel.
  • Die Restaurant-Geschichte.

Mini-Quiz

Ein Direktvermarkter hat für 18:00 bis 18:15 Uhr 50 MW Windstrom verkauft. Der Windpark liefert nur 44 MW. Wie ist sein Bilanzkreis?

Warum muss niemand das ganze Land zentral planen?

Wie plant ein Lieferant den Verbrauch seiner Haushaltskunden, deren Zähler nur einmal im Jahr abgelesen werden?

Lektion 2.4 · ca. 15 Minuten

Wenn die Rechnung nicht aufgeht: Regel- und Ausgleichsenergie

Kurzfassung

Prognosen sind nie perfekt, also weichen Bilanzkreise ab. Die Abweichungen aller Bilanzkreise heben sich zum Teil gegenseitig auf. Was übrig bleibt, gleicht der Übertragungsnetzbetreiber in Echtzeit mit Regelenergie aus, also mit den Reserven aus Lektion 1.2. Die Kosten dafür stellt er den Verursachern in Rechnung: als Ausgleichsenergie. Weil das teuer werden kann, lohnt es sich für jeden, sorgfältig zu planen.

Verknüpfung

Das ist die zweite Brücke. In Lektion 2.3 hast du gesehen, wie ein Bilanzkreis unterdeckt oder überdeckt sein kann. Jetzt geht es darum, was dann physikalisch passiert und wer bezahlt.

Schritt 1: Abweichungen heben sich teilweise auf

Beispiel für eine Viertelstunde

Stadtwerk A braucht 3 MW mehr als geplant (unterdeckt). Windpark-Vermarkter B hat 5 MW mehr Wind als geplant (überdeckt). Industriebetrieb C braucht 1 MW weniger (überdeckt). Für das ganze Netz zählt nur die Summe: minus 3, plus 5, plus 1 ergibt 3 MW zu viel. Nur diese 3 MW muss der Netzbetreiber ausgleichen, nicht die 9 MW, um die die drei einzeln danebenlagen.

Schritt 2: Der Netzbetreiber gleicht aus: Regelenergie

Den Rest gleicht der Übertragungsnetzbetreiber mit Reserven aus. In Lektion 1.2 hast du sie als Erste Hilfe, Rettungswagen und Krankenhaus kennengelernt. Jetzt bekommen sie ihre echten Namen:

Volle Leistung nach 30 SekundenPrimärregelleistung (FCR)Reagiert automatisch auf die Frequenz. Stoppt die Abweichung, bevor sie größer wird.
Volle Leistung nach 5 MinutenSekundärregelleistung (aFRR)Wird automatisch vom Netzbetreiber angesteuert und bringt die Frequenz zurück auf 50 Hertz.
Volle Leistung nach 12,5 MinutenMinutenreserve (mFRR)Wird bei länger anhaltenden Abweichungen abgerufen und löst die Sekundärregelung ab.

Diese Reserven gehören nicht dem Netzbetreiber. Er kauft sie in regelmäßigen Auktionen bei Anbietern ein, die vorher technisch geprüft wurden: Kraftwerke, Batteriespeicher, Industriebetriebe mit flexiblen Anlagen. Die Anbieter werden zweimal bezahlt: einmal dafür, dass sie bereitstehen, und einmal, wenn sie tatsächlich abgerufen werden. Für Batteriespeicher ist das inzwischen ein wichtiges Geschäft.

Schritt 3: Die Verursacher zahlen: Ausgleichsenergie

Nach der Lieferung rechnet der Netzbetreiber ab. Für jede Viertelstunde gibt es einen einheitlichen Ausgleichsenergiepreis, der sich vor allem aus den Kosten der eingesetzten Regelenergie ergibt. Jeder Bilanzkreis, der abgewichen ist, wird mit diesem Preis abgerechnet: Wer zu wenig hatte, bezahlt für die fehlende Menge. Wer zu viel hatte, bekommt die überschüssige Menge vergütet.

Klingt fair, hat aber einen Haken für den, der danebenliegt: Wenn das ganze System knapp ist, ist der Ausgleichsenergiepreis meist hoch, und genau dann sind viele Bilanzkreise unterdeckt. Wer in dieselbe Richtung abweicht wie das System, zahlt deshalb typischerweise deutlich mehr, als er vorher am Markt bezahlt hätte. Absichtlich ungeplant zu bleiben, um auf einen günstigen Ausgleichsenergiepreis zu spekulieren, ist verboten.

Rechenbeispiel

Das Stadtwerk ist 4 MW unterdeckt, eine Viertelstunde lang. Das sind 4 MW mal 0,25 Stunden = 1 MWh. Am Vortag hätte diese MWh an der Börse 100 € gekostet. In dieser Viertelstunde war das System knapp, der Ausgleichsenergiepreis lag bei 400 €/MWh. Das Stadtwerk zahlt also 400 € statt 100 €. Die Lehre: Danebenliegen ist teurer als vorher richtig einkaufen.

Bild zum Merken: das Taxi in letzter Minute

Wer seine Bahnfahrt vorher bucht, bekommt einen günstigen Preis. Wer den Zug verpasst und spontan ein Taxi nehmen muss, kommt auch an, zahlt aber ein Vielfaches. Ausgleichsenergie ist das Taxi: Der Strom ist auf jeden Fall da, aber die Rechnung tut weh. Genau dieser Anreiz sorgt dafür, dass alle Bilanzkreisverantwortlichen sich Mühe geben.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Die drei Schritte: Abweichungen saldieren sich, der Rest wird physikalisch mit Regelenergie ausgeglichen, die Verursacher zahlen Ausgleichsenergie.
  • Regelenergie ist die Physik (der Netzbetreiber gleicht aus), Ausgleichsenergie ist das Geld (der Verursacher zahlt). Diese zwei Begriffe werden ständig verwechselt.
  • Warum der Preis den Anreiz setzt, gut zu planen.

Auswendig lernen

  • Die drei Regelleistungsarten: FCR (30 Sekunden), aFRR (5 Minuten), mFRR (12,5 Minuten).
  • Regelleistung wird in Auktionen beschafft, Anbieter werden für Bereitstehen und Abruf bezahlt.
  • MW mal Stunden = MWh, eine Viertelstunde = 0,25 Stunden.

Nicht lernen

  • Wie genau der Ausgleichsenergiepreis berechnet wird.
  • Die Preise im Rechenbeispiel.
  • Das Taxi-Bild.

Mini-Quiz

Bilanzkreis A ist 10 MW unterdeckt, Bilanzkreis B ist 7 MW überdeckt. Wie viel muss der Netzbetreiber ausgleichen?

Was ist der Unterschied zwischen Regelenergie und Ausgleichsenergie?

Ein Bilanzkreis ist eine Stunde lang 2 MW unterdeckt. Für wie viel Energie muss er Ausgleichsenergie bezahlen?

Lektion 2.5 · ca. 15 Minuten · mit Mitmach-Grafik

Die Kupferplatte und der Redispatch

Kurzfassung

Innerhalb Deutschlands tut der Markt so, als gäbe es keine Leitungsgrenzen. Das ganze Land (zusammen mit Luxemburg) ist eine Gebotszone mit einem einheitlichen Preis, als wäre es eine Platte aus Kupfer, auf der Strom überallhin fließen kann. Deshalb kann der Markt Pläne machen, die das Netz nicht transportieren kann. Dann greift der Übertragungsnetzbetreiber nach dem Markt ein: Er lässt Kraftwerke vor dem Engpass herunter- und dahinter hochfahren. Das heißt Redispatch. Die Kosten, 2025 rund 3,1 Milliarden Euro für das gesamte Engpassmanagement, zahlen alle Stromkunden über die Netzentgelte.

Verknüpfung

Das ist die dritte Brücke. Sie löst das Transportproblem aus Lektion 1.8: Wind im Norden, Verbrauch im Süden, dazwischen volle Leitungen.

Bild zum Merken: das Einheitsporto

Ein Brief kostet in Deutschland überall gleich viel, egal ob er ins Nachbarhaus geht oder 800 Kilometer weit. Für dich als Kunden gibt es keine Entfernung. Um den Transport kümmert sich die Post im Hintergrund, und wenn eine Strecke überlastet ist, muss sie umplanen und trägt die Mehrkosten. Beim Strom ist es genauso: Der Markt kennt innerhalb Deutschlands keine Entfernungen. Um den Transport kümmert sich der Netzbetreiber, und er korrigiert, wenn es nicht passt.

Probier es aus: Wind im Norden

……

Vereinfachtes Beispiel mit zwei Regionen. Im Norden werden 10 GW verbraucht, die Leitungen nach Süden schaffen 12 GW. Keine echten Netzdaten.

So läuft es ab: Der Markt ermittelt am Vortag, welche Kraftwerke laufen sollen, als gäbe es keine Leitungsgrenzen. Danach rechnet der Übertragungsnetzbetreiber nach, ob das Netz diesen Plan schafft. Wenn nicht, ordnet er an: Windparks und Kraftwerke vor dem Engpass fahren herunter, Kraftwerke dahinter fahren hoch. Die Menge insgesamt bleibt gleich, sie wird nur räumlich verschoben. Der Marktpreis ändert sich dadurch nicht.

Die Betreiber werden entschädigt: Ein abgeregelter Windpark bekommt das Geld, das er sonst verdient hätte, ein hochgefahrenes Kraftwerk seine Kosten erstattet. Seit Oktober 2021 werden dabei auch Wind- und Solaranlagen ab 100 kW systematisch einbezogen (Redispatch 2.0).

Was kostet das?

Das gesamte Engpassmanagement kostete 2025 rund 3,1 Milliarden Euro. Der größte Teil davon entfiel auf fossile Kraftwerke, die hochgefahren wurden, und auf Reservekraftwerke, die für diesen Zweck bereitstehen. Die Entschädigung für abgeregelte Wind- und Solaranlagen machte nur gut 0,4 Milliarden Euro aus. Weil neue Leitungen von Nord nach Süd in Betrieb gehen, erwarten die Netzbetreiber, dass die Kosten in den nächsten Jahren eher stabil bleiben oder sinken.

Zwischen Ländern ist es anders

An den Grenzen zu den Nachbarländern gibt es keine Kupferplatte. Dort weiß der Markt genau, wie viel Strom die Leitungen transportieren können, und berücksichtigt das direkt bei der Preisbildung. Darum kann der Strom in Frankreich zur gleichen Viertelstunde einen anderen Preis haben als in Deutschland. Diese Verknüpfung der europäischen Märkte heißt Marktkopplung. Mehr dazu in Kapitel 3.

Ob Deutschland selbst in mehrere Gebotszonen geteilt werden sollte, etwa in Nord und Süd, wird seit Jahren diskutiert. Befürworter argumentieren, dass getrennte Preise zeigen würden, wo Strom knapp ist, und so Kraftwerke, Speicher und Industrie an die richtigen Orte lenken. Gegner befürchten vor allem höhere Preise im Süden und Westen, wo viel Industrie sitzt, und sehen im Netzausbau den besseren Weg. Die Bundesregierung hält bisher an der einheitlichen Zone fest.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Kupferplatte: Der Markt ignoriert innerhalb Deutschlands die Leitungsgrenzen. Daraus folgt, dass jemand nachträglich korrigieren muss.
  • Redispatch verschiebt Erzeugung räumlich, die Gesamtmenge bleibt gleich.
  • Zwischen Ländern werden Leitungsgrenzen im Markt berücksichtigt, innerhalb nicht.

Auswendig lernen

  • Begriffe: Gebotszone, Kupferplatte, Redispatch, Marktkopplung.
  • Gebotszone Deutschland und Luxemburg, ein Preis.
  • Engpassmanagement 2025: rund 3 Milliarden Euro, bezahlt über Netzentgelte.

Nicht lernen

  • Die genaue Aufschlüsselung der Kosten.
  • Redispatch 2.0 im Detail.
  • Die Argumente zur Gebotszonenteilung im Wortlaut.
  • Das Porto-Bild.

Mini-Quiz

Warum kann das Marktergebnis innerhalb Deutschlands physikalisch unmöglich sein?

Beim Redispatch werden im Norden 4 GW abgeregelt. Was passiert im Süden?

Wer bezahlt am Ende die Kosten für den Redispatch?

Lektion 2.6 · ca. 10 Minuten

Das Leben einer Viertelstunde

Kurzfassung

Jetzt fügen wir alles zusammen, indem wir eine einzige Viertelstunde begleiten: morgen von 18:00 bis 18:15 Uhr. Sie wird über Jahre hinweg immer wieder gehandelt, am Vortag in Fahrpläne gegossen, bis kurz vorher nachkorrigiert, physikalisch in Echtzeit geliefert und Wochen später abgerechnet. An jeder Station siehst du eine der Brücken aus diesem Kapitel.

Zwei Hauptfiguren

Wir begleiten zwei Firmen: Nordwind, einen Direktvermarkter mit Windparks in Niedersachsen, und die Stadtwerke Südstadt, einen Lieferanten mit 50.000 Haushaltskunden in Bayern. Für 18:00 bis 18:15 Uhr braucht Südstadt laut Standardlastprofil 40 MW.

  1. Monate bis Jahre vorherAbsichern am TerminmarktSüdstadt kauft schon einen Großteil seines Bedarfs für das ganze nächste Jahr zu einem festen Preis. Nordwind verkauft einen Teil der erwarteten Windmenge. Beide wollen sich gegen spätere Preissprünge absichern. (Mehr in Kapitel 3.)
  2. Vortag, 12:00 UhrDay-Ahead-AuktionMit der aktuellen Wetter- und Verbrauchsprognose kaufen und verkaufen beide den Rest. Nordwind verkauft 50 MW für unsere Viertelstunde, Südstadt kauft die fehlenden MW dazu. Die Börse ermittelt einen Preis für ganz Deutschland. (Kapitel 3.)
  3. Vortag, 14:30 UhrFahrpläne an den NetzbetreiberBeide melden ihre ausgeglichenen Bilanzkreise beim Übertragungsnetzbetreiber an. Brücke 1: Auf dem Papier geht jeder Plan auf. (Lektion 2.3)
  4. Vortag, Nachmittag und AbendNetzbetreiber rechnen nachDie Übertragungsnetzbetreiber prüfen, ob die Leitungen alle Fahrpläne schaffen. Sie sehen: Morgen um 18 Uhr wird die Leitung nach Süden zu voll. Nordwind bekommt die Ansage, 5 MW abzuregeln, ein Gaskraftwerk in Bayern fährt dafür hoch. Brücke 3. (Lektion 2.5)
  5. Liefertag, bis kurz vorherIntraday: NachkorrigierenUm 15 Uhr zeigt die neue Prognose: Es wird windiger als gedacht. Nordwind verkauft 4 MW zusätzlich im Intraday-Handel. Südstadt merkt, dass es kälter wird, und kauft 2 MW dazu. Beide passen ihre Fahrpläne an. (Kapitel 3.)
  6. 18:00 bis 18:15 UhrLieferung in EchtzeitJetzt fließt der Strom, und die Physik fragt nicht nach Plänen. Ein Windpark liefert 3 MW weniger, die Südstädter verbrauchen 1 MW weniger als gedacht. Andere Bilanzkreise weichen in andere Richtungen ab. Die Summe gleicht der Netzbetreiber mit Regelleistung aus. Brücke 2. (Lektion 2.4)
  7. Wochen späterAbrechnungDie Messwerte werden mit den Fahrplänen verglichen. Nordwind war 3 MW unterdeckt und zahlt Ausgleichsenergie. Südstadt war 1 MW überdeckt und bekommt Ausgleichsenergie vergütet. Damit ist die Viertelstunde endgültig abgeschlossen.
Was du jetzt kannst

Du hast jetzt beide Ebenen verstanden: die Physik aus Kapitel 1 und die Spielregeln, mit denen der Markt sie organisiert. Was noch fehlt, ist die Frage, die in dieser Geschichte immer wieder auf Kapitel 3 verwiesen hat: Wie entsteht eigentlich der Preis? Dort geht es um Terminmarkt, Day-Ahead und Intraday, und um den Turm aus Lektion 1.7, der dann einen neuen Namen bekommt: Merit Order.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Eine Viertelstunde durchläuft mehrere Stationen: Jahre vorher absichern, am Vortag planen, kurz vorher korrigieren, liefern, abrechnen. Das ist die Zusammenfassung des ganzen Kapitels.
  • An welcher Station welche Brücke greift.

Auswendig lernen

  • Reihenfolge: Terminmarkt, Day-Ahead (12 Uhr), Fahrpläne (14:30 Uhr), Intraday, Lieferung, Abrechnung.

Nicht lernen

  • Die Firmen Nordwind und Südstadt und alle Zahlen der Geschichte.
  • Wie lange die Abrechnung genau dauert.

Mini-Quiz

In welcher Reihenfolge laufen die Stationen ab?

Wann erfährt ein Windpark-Betreiber typischerweise, dass er wegen eines Netzengpasses abregeln muss?

Ende Kapitel 2

Abschluss-Checkliste

Verstehen

  • Warum der Markt Versprechen handelt und keine Elektronen
  • Bilanzkreis als Konto, das in jeder Viertelstunde aufgehen muss
  • Wie Abweichungen ausgeglichen und abgerechnet werden
  • Warum der Markt innerhalb Deutschlands Leitungsgrenzen ignoriert

Erklären können

  • Die drei Brücken zwischen Markt und Physik, jeweils in einem Satz
  • Den Unterschied zwischen Regelenergie und Ausgleichsenergie
  • Was beim Redispatch passiert und wer ihn bezahlt
  • Das Leben einer Viertelstunde von Jahren vorher bis zur Abrechnung

Auswendig können

  • Bilanzkreis, Bilanzkreisverantwortlicher, Fahrplan
  • FCR, aFRR, mFRR mit 30 Sekunden, 5 Minuten, 12,5 Minuten
  • Gebotszone, Kupferplatte, Redispatch
  • Day-Ahead 12 Uhr, Fahrpläne 14:30 Uhr

Nicht lernen müssen

  • Vertrags- und Berechnungsdetails
  • Kostenaufschlüsselungen
  • Alle Geschichten und Beispielzahlen

Weiter geht es mit Kapitel 3: Die Märkte und der Preis.

Kapitel 3

Die Märkte und der Preis

In Kapitel 2 hast du gesehen, dass eine Viertelstunde Strom mehrmals gehandelt wird, bevor sie geliefert wird. Dieses Kapitel folgt einer Leitfrage: Wie entsteht der Strompreis, und wie gehen die Marktteilnehmer mit ihm um? Erst klären wir, wie der Preis entsteht, dann lesen wir echte Preiskurven, und zum Schluss sehen wir, wie man kurzfristig korrigiert und sich langfristig absichert.

Lektion 3.1 · ca. 10 Minuten

Ein Strom, viele Märkte

Kurzfassung

Strom wird auf mehreren Märkten nacheinander gehandelt, weil man mit jedem Tag genauer weiß, wie viel gebraucht und erzeugt wird. Der Terminmarkt dient der Absicherung, Monate und Jahre vorher. Die Day-Ahead-Auktion am Vortag liefert den wichtigsten Preis. Der Intraday-Markt ist für Korrekturen bis kurz vor Lieferung. Gehandelt wird an der Börse oder direkt zwischen zwei Firmen. Die Standardprodukte heißen Base (rund um die Uhr) und Peak (werktags tagsüber).

Was du schon weißt

In Lektion 2.6 hast du eine Viertelstunde von Jahren vorher bis zur Abrechnung begleitet. Dabei stand dreimal „mehr in Kapitel 3“: beim Terminmarkt, bei der Day-Ahead-Auktion und beim Intraday-Handel. Diese drei Stationen schauen wir uns jetzt genau an, allerdings nicht in zeitlicher Reihenfolge, sondern in der Reihenfolge, in der man sie am besten versteht.

Bild zum Merken: drei Arten einzukaufen

Eine Familie kauft ein. Die Grundversorgung wie Kaffee und Nudeln läuft als Abo, für ein ganzes Jahr zum festen Preis. Einmal pro Woche geht sie auf den Wochenmarkt und kauft, was für die nächsten Tage auf dem Plan steht. Und wenn abends die Milch fehlt, geht jemand schnell zum Kiosk. Das Abo ist der Terminmarkt, der Wochenmarkt die Day-Ahead-Auktion, der Kiosk der Intraday-Markt. Und wie im Alltag gilt: Beim Kiosk zahlt man oft mehr, dafür bekommt man genau das, was gerade fehlt.

Der rote Faden dieses Kapitels

Das ganze Kapitel beantwortet eine Frage: Wie entsteht der Strompreis, und wie gehen die Marktteilnehmer mit ihm um? Wir gehen dafür in drei Schritten vor:

  1. Schritt 1 · Lektion 3.2Wie entsteht der Preis?Wir beginnen mit dem Herzstück, dem Day-Ahead-Preis. Auf ihn beziehen sich alle anderen Märkte. Erst die Auktion im Kleinen, dann die Merit Order, die erklärt, warum der Preis dort liegt, wo er liegt.
  2. Schritt 2 · Lektion 3.3Was erzählt der Preis?Mit diesem Werkzeug lesen wir echte Preiskurven: warum Strom mittags manchmal nichts kostet und abends teuer ist.
  3. Schritt 3 · Lektionen 3.4 und 3.5Wie geht man mit dem Preis um?Prognosen ändern sich, also wird kurz vorher korrigiert (Intraday). Und weil Preise so stark schwanken, sichern sich viele lange vorher ab (Terminmarkt).
MarktWannWofürWoLektion
TerminmarktWochen bis Jahre vorherPreis festmachen, absichernEEX und direkt zwischen Firmen3.5
Day-AheadVortag, 12 UhrHauptmenge planen, ReferenzpreisEPEX SPOT und andere Börsen, europaweit gekoppelt3.2, 3.3
IntradayVortag ab 15 Uhr bis 5 Minuten vor LieferungPrognosefehler korrigierenEPEX SPOT und andere Börsen3.4
RegelleistungVortag und in EchtzeitNetz stabil haltenAuktionen der Übertragungsnetzbetreiber2.4

Börse oder direkt?

An der BörseStandardisierte Produkte, jeder sieht die Preise. Die Börse steht über eine Clearingstelle dafür ein, dass jedes Geschäft erfüllt wird. Fällt ein Handelspartner aus, springt sie ein.
Direkt zwischen FirmenIm Fachjargon „OTC“ (over the counter), oft über Makler. Flexibler, weil sich Mengen und Zeiträume frei vereinbaren lassen. Dafür trägt man selbst das Risiko, dass der Partner nicht zahlt.

Base und Peak: die zwei Standardprodukte

Am Terminmarkt kauft man nicht einzelne Viertelstunden, sondern Pakete. Die zwei wichtigsten:

• Base (Grundlast): gleichmäßige Lieferung an allen Stunden des Zeitraums, Tag und Nacht, werktags und am Wochenende.
• Peak (Spitzenlast): Lieferung nur werktags von 8 bis 20 Uhr.

Die Namen kommen direkt aus der Lastkurve (Lektion 1.6): Base deckt die unterste Scheibe, Peak die Stunden, in denen Mittel- und Spitzenlast dazukommen. Die Pakete gibt es für ein Jahr, ein Quartal, einen Monat, eine Woche oder einen Tag.

Wie es weitergeht

Bevor wir über Absicherung und Korrekturen sprechen können, brauchen wir den Preis selbst. In Lektion 3.2 schauen wir deshalb zuerst in die Day-Ahead-Auktion, die den wichtigsten Strompreis in Europa bestimmt.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Warum es mehrere Märkte nacheinander gibt: Die Prognose wird immer genauer. Das ist die Logik hinter dem ganzen Kapitel.
  • Börse gegen direkten Handel: Sicherheit und Transparenz gegen Flexibilität.
  • Base und Peak als Pakete, die zur Lastkurve passen.

Auswendig lernen

  • Reihenfolge und Zeitpunkt: Terminmarkt, Day-Ahead (Vortag 12 Uhr), Intraday (bis 5 Minuten vorher).
  • Base = alle Stunden. Peak = werktags 8 bis 20 Uhr.
  • EEX = Terminmarkt, EPEX SPOT = Day-Ahead und Intraday.

Nicht lernen

  • Wie die Clearingstelle im Detail arbeitet.
  • Alle Laufzeiten der Pakete.
  • Das Einkaufs-Bild.

Mini-Quiz

Ein Peak-Produkt für März liefert Strom …

Was ist der Hauptvorteil eines Geschäfts an der Börse gegenüber einem direkten Geschäft?

Lektion 3.2 · ca. 25 Minuten · zwei Mitmach-Grafiken

Wie der Day-Ahead-Preis entsteht

Kurzfassung

Jeden Tag um 12 Uhr schließt die Day-Ahead-Auktion für den nächsten Tag. Verkäufer nennen ihren Mindestpreis, Käufer ihren Höchstpreis. Die Börse sortiert alle Gebote zu zwei Treppen, und wo sie sich treffen, liegt der Preis. Alle, die zum Zug kommen, handeln zu genau diesem Preis. Zeichnet man die Angebotstreppe für alle Kraftwerke Deutschlands, heißt sie Merit Order: Die Kraftwerke stehen nach ihren Grenzkosten in einer Reihe, und das letzte, das noch gebraucht wird, setzt den Preis. Darum hängt der Strompreis so stark von Gas- und CO₂-Preis ab, und darum drücken Wind und Sonne ihn, wenn sie viel liefern.

Verknüpfung

Schritt 1 des roten Fadens: Wie entsteht der Preis? Wir starten mit der Day-Ahead-Auktion, weil sich fast alle anderen Preise auf sie beziehen. In der Geschichte aus Lektion 2.6 haben Nordwind und die Stadtwerke Südstadt hier ihre Hauptmengen gehandelt. Die Lektion hat zwei Teile: Erst schauen wir einer kleinen Auktion mit sieben Bietern zu, dann vergrößern wir das Bild auf ganz Deutschland.

Teil 1

Die Auktion im Kleinen

Nehmen wir eine einzige Viertelstunde: morgen von 18:00 bis 18:15 Uhr. Klick dich durch die Auktion. Jedes Gebot erscheint einzeln, und zu jedem erfährst du, warum der Bieter genau diesen Preis nennt. Am Ende findet die Börse den Preis.

Schritt 1 von 10
…

…

Verkaufsgebote (Angebot), billigste zuerst Kaufgebote (Nachfrage), zahlungsbereiteste zuerst

So liest du die Grafik: Die Verkaufsgebote werden vom billigsten zum teuersten aneinandergereiht, die Kaufgebote vom zahlungsbereitesten zum geizigsten. Wo sich die beiden Treppen treffen, ist Schluss. Hier bei 70 MW und 90 €/MWh:

• Windpark und Kohlekraftwerk verkaufen komplett, das Gaskraftwerk 20 seiner 25 MW.
• Industriebetrieb und Stadtwerk kaufen komplett.
• Der Elektrolyseur geht leer aus, er wollte höchstens 70 €/MWh zahlen. Die Gasturbine auch, sie wollte mindestens 150 €/MWh.
• Alle zahlen und bekommen 90 €/MWh. Auch der Windpark, der ab 0 €/MWh verkauft hätte, und auch der Industriebetrieb, der bis 200 €/MWh gezahlt hätte.

Warum bekommen alle denselben Preis?

Das wirkt auf den ersten Blick ungerecht, hat aber einen guten Grund: Wer weiß, dass er den Einheitspreis bekommt, hat keinen Anreiz zu bluffen. Der Windpark bietet ehrlich zu 0 €/MWh, weil er ohnehin den Preis des letzten Kraftwerks bekommt. Würde jeder nur sein eigenes Gebot bekommen, würden alle versuchen, den Preis des teuersten Kraftwerks zu erraten und knapp darunter zu bieten. Das Ergebnis wäre ähnlich, aber mit viel mehr Rätselraten und Fehlern. Dieses Prinzip heißt Einheitspreisverfahren (englisch: pay as clear).

Die Auktion in Zahlen

Gebotsschluss12 Uhr am Vortag. Die Ergebnisse werden kurz danach veröffentlicht.
96 Preise pro TagSeit dem 1. Oktober 2025 gibt es einen Preis für jede Viertelstunde, vorher für jede Stunde.
Europaweit gekoppeltDie Auktion läuft gemeinsam für fast alle EU-Länder. Wo Leitungen zwischen Ländern frei sind, gleichen sich die Preise an. Wo sie voll sind, entstehen Preisunterschiede (Lektion 2.5).
ReferenzpreisDer Day-Ahead-Preis ist der Preis, an dem sich fast alles orientiert: Terminkontrakte, dynamische Stromtarife, die Förderung von Wind und Sonne.
Teil 2

Vom Beispiel zum ganzen Land: die Merit Order

Verknüpfung: der Turm bekommt seinen Namen

In Teil 1 hast du vier Verkäufer gesehen, die eine Treppe bilden. Die Merit Order ist dieselbe Treppe, nur mit allen Kraftwerken Deutschlands, zusammengefasst nach Kraftwerkstyp und gemessen in GW statt MW. Die Kosten im Werkzeug unten passen zu den Geboten aus der Auktion: Gas rund 90, Kohle rund 100, Gasturbine rund 135 €/MWh. Erinnerst du dich an den Turm aus Lektion 1.7? Die Lücke zwischen Verbrauch und Wind plus Sonne wurde Stockwerk für Stockwerk gefüllt, unten günstig, oben teuer. Die Merit Order ist genau dieser Turm, nur zur Seite gekippt: Die Stockwerke stehen jetzt nebeneinander, sortiert nach Kosten. Und das oberste Stockwerk, das gerade noch gebraucht wird, bestimmt den Preis. Das hatte Lektion 1.7 versprochen.

Was kostet eine zusätzliche MWh?

Für die Reihenfolge zählen nicht die Baukosten, sondern nur die Kosten, die anfallen, wenn das Kraftwerk jetzt eine MWh mehr erzeugt. Bei Wind und Sonne ist das fast nichts. Bei Kohle und Gas sind es zwei Dinge: der Brennstoff und die CO₂-Zertifikate, die für jede Tonne CO₂ gekauft werden müssen. Kohle ist im Brennstoff billig, stößt aber viel CO₂ aus. Gas ist im Brennstoff teurer, stößt aber nur etwa halb so viel aus. Je nach Gaspreis und CO₂-Preis kann sich die Reihenfolge deshalb drehen.

Daher auch der Unterschied zum Turm aus Lektion 1.7: Dort stand die Braunkohle ganz unten, weil sie träge ist und durchläuft und weil sie früher, als CO₂-Zertifikate billig waren, auch am günstigsten war. Beim heutigen CO₂-Preis liegt sie in der Merit Order oft hinter modernen Gaskraftwerken. Probier es im Werkzeug aus: Stell den CO₂-Preis auf 30 €/t, dann rutscht die Kohle wieder nach vorne.

Und wo ist die Nachfragetreppe geblieben?

In Teil 1 hatte die Nachfrage auch eine Treppe: Der Industriebetrieb bot bis 200 €/MWh, der Elektrolyseur nur bis 70 €/MWh. In Wirklichkeit reagieren aber die meisten Verbraucher innerhalb eines Tages kaum auf den Preis. Haushalte, Krankenhäuser, Bahn und die meisten Fabriken brauchen ihren Strom, egal ob er 50 oder 150 €/MWh kostet (Lektion 1.6). Ihre „Treppe“ ist so steil, dass sie fast eine senkrechte Linie wird: Es wird so viel gebraucht, wie gebraucht wird.

Darum zeigt man die Merit Order meist mit einer senkrechten Nachfragelinie, so wie im Werkzeug unten. Nur wenige Verbraucher sind flexibel, etwa Elektrolyseure, Speicher oder Betriebe, die ihre Produktion verschieben können. Sie kippen die Linie ein kleines Stück. Je mehr flexible Verbraucher es gibt, desto wichtiger wird dieser Effekt (Lektion 3.3).

Probier es aus

CO₂-Preis:
Gaspreis:
……

Vereinfachte Beispielzahlen, keine echten Marktdaten. Breite eines Balkens = Leistung in GW, Höhe = Grenzkosten in €/MWh. „Krise“ steht für einen Gaspreis wie im Jahr 2022.

Was du beim Ausprobieren sehen solltest:

• Mehr Wind und Sonne schiebt alle anderen Kraftwerke nach rechts. Die teuren fallen heraus, der Preis sinkt.
• Mehr Nachfrage schiebt die Linie nach rechts, teurere Kraftwerke werden gebraucht, der Preis steigt.
• Beim CO₂-Preis entscheidet sich die Reihenfolge von Kohle und Gas. Bei 30 €/t ist Kohle billiger, bei 80 €/t (etwa das Niveau der letzten Jahre) liegt sie hinter dem Gas, bei 150 €/t weit dahinter. Diesen Platztausch nennt man Brennstoffwechsel.
• In der Gaskrise wird das letzte Stockwerk extrem teuer, und weil Gas sehr oft den Preis setzt, steigt der Strompreis für alle. Genau das ist 2022 passiert.

Wie in der Auktion

Alles, was du in Teil 1 gesehen hast, gilt hier genauso: Alle Kraftwerke links von der Nachfragelinie kommen zum Zug, alle rechts davon nicht, und alle bekommen den Preis des letzten Kraftwerks. Die Merit Order ist nur das große Bild derselben Auktion.

Aber wovon bezahlt der Windpark dann seine Baukosten?

Gute Frage, und die Antwort hängt mit der Jahresdauerlinie aus Lektion 1.6 zusammen. Ein Kraftwerk, das immer nur seine Grenzkosten bekäme, könnte nie seinen Bau abbezahlen. Weil aber alle den Preis des letzten Kraftwerks bekommen, verdienen die günstigen Kraftwerke in den meisten Stunden mehr, als sie für den Betrieb brauchen. Diese Differenz heißt Deckungsbeitrag. Aus ihr werden Bau, Zinsen und Wartung bezahlt. Ein Windpark lebt also davon, dass oft ein teureres Kraftwerk den Preis setzt, und das Einheitspreisverfahren ist genau der Mechanismus, der das ermöglicht.

Erst ganz zum Schluss die Regel als Satz:

Strompreis = Grenzkosten des letzten Kraftwerks, das noch gebraucht wird

Wie es weitergeht

Damit ist Schritt 1 geschafft: Du kannst erklären, wie der Preis entsteht und was ihn bewegt. In Lektion 3.3 wenden wir das an und lesen echte Preiskurven über einen Tag.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Der Preis entsteht am Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage, und das letzte benötigte Kraftwerk setzt ihn. Das ist die wichtigste Idee des ganzen Lernpfads, weil fast jede Preisbewegung damit erklärbar ist.
  • Einheitspreis: Alle bekommen und zahlen denselben Preis. Das belohnt ehrliches Bieten.
  • Grenzkosten = Brennstoff + CO₂. Darum wirken Gas- und CO₂-Preis direkt auf den Strompreis, und darum kann sich die Reihenfolge von Kohle und Gas drehen.
  • Warum Wind und Sonne den Preis senken.
  • Deckungsbeitrag: Wie günstige Kraftwerke ihre Baukosten verdienen.

Auswendig lernen

  • Gebotsschluss Vortag 12 Uhr, seit Oktober 2025 Viertelstundenpreise.
  • Begriffe: Einheitspreisverfahren, Merit Order, Grenzkosten, Deckungsbeitrag, Brennstoffwechsel.
  • Grobe Reihenfolge: Wind und Sonne, Wasser und Biomasse, Gas und Kohle (je nach Preisen), Gasturbinen.
  • Nachfrage in der Merit Order: fast senkrechte Linie, weil die meisten Verbraucher kaum auf den Preis reagieren.

Nicht lernen

  • Die Zahlen aus Auktion und Werkzeug.
  • Name und Funktionsweise des Rechenverfahrens der Börse.
  • Emissionsfaktoren, Wirkungsgrade, Preisgrenzen.

Mini-Quiz

Ein Windpark bietet seinen Strom ab 0 €/MWh an. Der Auktionspreis liegt bei 100 €/MWh. Was bekommt er?

Ein Käufer bietet höchstens 70 €/MWh, der Auktionspreis liegt bei 100 €/MWh. Was passiert?

Der Gaspreis verdoppelt sich. Warum steigt der Strompreis, obwohl nur ein Teil des Stroms aus Gas kommt?

Warum stand im Auktionsbeispiel die Kohle hinter dem Gas?

Ein Windpark hat Grenzkosten von fast null. Woher kommt das Geld für seinen Bau?

Lektion 3.3 · ca. 15 Minuten · mit Mitmach-Grafik

Was Preise erzählen

Kurzfassung

Mit der Merit Order im Kopf kannst du jede Preiskurve lesen. An sonnigen Tagen fällt der Preis mittags tief, manchmal unter null, und steigt abends steil an, wenn die Sonne untergeht. An windstillen Wintertagen bleibt er den ganzen Tag hoch. 2025 lag der Day-Ahead-Preis in Deutschland im Schnitt bei rund 89 €/MWh. Es gab aber auch 573 Stunden mit negativen Preisen, ein Rekord. Die großen Unterschiede innerhalb eines Tages sind das Geschäftsmodell für Speicher.

Verknüpfung

Schritt 2 des roten Fadens. Aus Lektion 3.2 kennst du die Auktion und die Merit Order. Mit beiden zusammen kannst du jetzt jede Preiskurve lesen. Die Frage ist immer dieselbe: Wie groß ist gerade die Residuallast, und welches Kraftwerk setzt deshalb den Preis?

Drei typische Tage

Tag:
……

Vereinfachte Beispieltage, angelehnt an typische Muster, keine echten Preise.

Jede dieser Kurven lässt sich mit der Merit Order erklären:

• Sonniger Sonntag: Mittags liefert die Sonne mehr, als gebraucht wird. Die Residuallast ist fast null (Lektion 1.7), der Preis fällt unter null. Abends geht die Sonne unter, und Gaskraftwerke setzen wieder den Preis.
• Windstiller Wintertag: Kaum Wind, kaum Sonne, hoher Verbrauch. Die Merit Order wird weit rechts geschnitten, bei Gas und Gasturbinen. Hoher Preis den ganzen Tag.
• Stürmischer Tag: Viel Wind, Tag und Nacht. Der Preis bleibt durchgehend niedrig.

Warum Preise negativ werden

Ein negativer Preis bedeutet: Wer Strom abnimmt, bekommt Geld dafür. Das passiert, wenn so viel angeboten wird, dass manche Erzeuger lieber zahlen, als abzuschalten. Gründe dafür sind träge Kraftwerke, die nicht schnell herunterfahren können (Lektion 1.3), Anlagen, die Wärme liefern müssen, und ältere Wind- und Solaranlagen, die ihre Förderung unabhängig vom Börsenpreis bekommen. Am 11. Mai 2025 fiel der Preis auf über minus 250 €/MWh.

Das Jahr 2025 in Zahlen

rund 89 €/MWhDurchschnittlicher Day-Ahead-Preis, gut 10 Euro mehr als 2024.
573 Stundenmit negativen Preisen. 2023 waren es noch 301, 2024 dann 457.
162 Stundenmit Preisen über 200 €/MWh, meist an windstillen Winterabenden.
rund 130 €/MWhbetrug im Schnitt der Abstand zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Preis eines Tages.

Quellen: Bundesnetzagentur (SMARD) für Durchschnittspreis und negative Stunden, Auswertung der naturstrom AG für Hochpreisstunden, Fraunhofer ISE für den Tagesabstand.

Wer verdient an den Schwankungen?

Je größer der Abstand zwischen billigen und teuren Stunden, desto mehr lohnt sich alles, was Strom zeitlich verschieben kann. Ein Batteriespeicher lädt mittags für 0 €/MWh und entlädt abends für 180 €/MWh. Ein Elektroauto mit dynamischem Tarif lädt in der Nacht des stürmischen Tages. Eine Wärmepumpe heizt vor, bevor die Abendspitze kommt. Hier schließt sich der Kreis zu Kapitel 1: Die Flexibilität, die das System physikalisch braucht (Lektionen 1.4 und 1.6), wird über die Preise belohnt.

Wie es weitergeht

Zwei Dinge hast du in dieser Lektion gesehen. Erstens: Die Day-Ahead-Preise stehen schon am Vortag fest, aber Wetter und Verbrauch ändern sich danach weiter. Was dann passiert, zeigt Lektion 3.4. Zweitens: Die Preise schwanken enorm, von minus 250 bis über 200 €/MWh. Wie man sich davor schützt, zeigt Lektion 3.5.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Jede Preiskurve lässt sich mit Residuallast und Merit Order erklären. Wer das kann, versteht den Strommarkt.
  • Warum Preise negativ werden.
  • Große Preisunterschiede belohnen Flexibilität wie Speicher und steuerbaren Verbrauch.

Auswendig lernen

  • Typisches Muster an sonnigen Tagen: mittags tief, abends hoch.
  • Größenordnungen 2025: im Schnitt rund 90 €/MWh, rund 570 Stunden mit negativen Preisen.

Nicht lernen

  • Die genauen Zahlen der Hochpreisstunden und des Tagesabstands.
  • Den Rekord-Tiefstwert.
  • Die Kurven der Beispieltage.

Mini-Quiz

An einem sonnigen Sonntag im Mai: Wann ist der Strompreis typischerweise am niedrigsten?

Warum lohnen sich Batteriespeicher umso mehr, je mehr Solaranlagen gebaut werden?

Lektion 3.4 · ca. 12 Minuten

Der Intraday-Markt

Kurzfassung

Nach der Day-Ahead-Auktion ändern sich die Prognosen weiter. Wer jetzt merkt, dass er zu viel oder zu wenig hat, gleicht das am Intraday-Markt aus. Es gibt dort drei zusätzliche Auktionen und einen fortlaufenden Handel, der wie eine Aktienbörse funktioniert: Jedes Geschäft hat seinen eigenen Preis. In Deutschland kann man bis 5 Minuten vor Lieferung handeln. Wer hier rechtzeitig korrigiert, vermeidet teure Ausgleichsenergie.

Verknüpfung

Schritt 3 des roten Fadens beginnt: Wie geht man mit dem Preis um? Der Day-Ahead-Preis aus Lektion 3.2 steht fest, aber die Welt dreht sich weiter. In Lektion 2.3 hast du gesehen, dass ein Bilanzkreis unterdeckt oder überdeckt sein kann, und in 2.4, dass das teuer wird. Der Intraday-Markt ist die letzte Gelegenheit, das zu verhindern: Wer vorher richtig nachhandelt, muss hinterher keine Ausgleichsenergie bezahlen.

Bild zum Merken: der Wetterbericht am Morgen

Du hast gestern für heute einen Grillabend mit Fleisch für 20 Leute geplant. Heute Morgen sagt der Wetterbericht Regen an, und fünf Gäste sagen ab. Du rufst beim Metzger an und bestellst ein paar Würstchen weniger. Genau das macht ein Direktvermarkter, wenn die neue Windprognose kommt: Er verkauft oder kauft im Intraday-Handel die Differenz.

Zwei Arten, intraday zu handeln

Intraday-AuktionenDrei Auktionen, die wie die Day-Ahead-Auktion funktionieren: am Vortag um 15 Uhr und um 22 Uhr, am Liefertag um 10 Uhr. Jede ergibt einen Einheitspreis pro Viertelstunde.
Fortlaufender HandelEin Orderbuch, in das jeder jederzeit Kauf- und Verkaufsangebote stellen kann. Sobald ein Kaufangebot auf ein passendes Verkaufsangebot trifft, kommt das Geschäft zustande. Jedes Geschäft hat seinen eigenen Preis. In Deutschland geht das bis 5 Minuten vor Lieferung.

Wer handelt hier?

Direktvermarkter von Wind und SonneDie Wetterprognose wird mit jeder Stunde besser. Jede Abweichung zur Vortagsprognose wird hier ausgeglichen.
LieferantenWenn es kälter oder wärmer wird als gedacht, ändert sich der Verbrauch ihrer Kunden.
KraftwerkeFällt ein Kraftwerk ungeplant aus, muss sein Betreiber die versprochene Menge schnell anderswo kaufen.
BatteriespeicherSie können blitzschnell laden und entladen und nutzen die starken Preisschwankungen kurz vor Lieferung. Für sie ist der Intraday-Markt eine der wichtigsten Einnahmequellen.

Intraday-Preise schwanken stärker als Day-Ahead-Preise. Wenn plötzlich viele gleichzeitig nachkaufen müssen, etwa weil der Wind überall schwächer ist als vorhergesagt, steigen die Preise kräftig. Dreht der Wind auf, stürzen sie ab. Wer flexibel ist, verdient an diesen Schwankungen. Wer korrigieren muss, zahlt.

Wie es weitergeht

Der Intraday-Markt hilft bei kurzfristigen Überraschungen. Gegen die großen Preisschwankungen über Monate und Jahre hilft er nicht. Wer heute schon wissen muss, was sein Strom im nächsten Jahr kostet, braucht den Terminmarkt, das Thema der letzten Lektion dieses Kapitels.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Wofür der Intraday-Markt da ist: Prognosefehler ausgleichen, bevor sie zu Ausgleichsenergie werden.
  • Auktion (ein Preis für alle) gegen fortlaufenden Handel (jedes Geschäft eigener Preis).
  • Warum Intraday-Preise stärker schwanken und warum Batterien davon profitieren.

Auswendig lernen

  • Intraday-Auktionen: Vortag 15 und 22 Uhr, Liefertag 10 Uhr.
  • Fortlaufender Handel bis 5 Minuten vor Lieferung.

Nicht lernen

  • Regeln für grenzüberschreitenden Intraday-Handel.
  • Wie ein Orderbuch technisch funktioniert.
  • Die Grillabend-Geschichte.

Mini-Quiz

Ein Direktvermarkter sieht um 14 Uhr, dass sein Windpark um 17 Uhr 8 MW weniger liefern wird als verkauft. Was tut er am besten?

Was unterscheidet den fortlaufenden Intraday-Handel von der Day-Ahead-Auktion?

Lektion 3.5 · ca. 15 Minuten · mit Mitmach-Grafik

Der Terminmarkt: Preise festmachen

Kurzfassung

Am Terminmarkt vereinbart man heute einen Preis für Strom, der später geliefert wird, zum Beispiel für das ganze nächste Jahr. Das nennt man Absichern (englisch: Hedging). Es geht nicht darum, möglichst billig einzukaufen, sondern darum, Gewissheit zu haben. Lieferanten sichern ihre Einkaufskosten ab, Erzeuger ihre Einnahmen. Gegenüber dem späteren Marktpreis kann das im Nachhinein günstig oder teuer gewesen sein, aber man kennt seine Zahlen im Voraus.

Verknüpfung

In Lektion 3.3 hast du gesehen, wie stark der Day-Ahead-Preis schwankt, über einen Tag und erst recht über ein Jahr. Wer heute einen Preis für 2027 versprechen muss, kann nicht abwarten. Der Terminmarkt löst dieses Problem. Und weil du die Day-Ahead-Preise jetzt kennst, ist der wichtigste Satz dieser Lektion leicht zu verstehen: Ein Terminpreis ist die heutige Erwartung an die künftigen Day-Ahead-Preise.

Bild zum Merken: der Festpreis-Tarif

Wer einen Handyvertrag mit festem Monatspreis abschließt, zahlt jeden Monat dasselbe. In manchen Monaten hätte er mit einem flexiblen Tarif gespart, in anderen viel mehr bezahlt. Den Festpreis nimmt er, weil er planen will, nicht weil er wetten will. Ein Stadtwerk, das seinen Kunden einen festen Strompreis für 2027 verspricht, steht vor derselben Frage, nur in groß.

Wer sichert sich ab, und warum?

LieferantenSie haben ihren Kunden feste Preise versprochen. Steigt der Börsenpreis später stark, würden sie draufzahlen. Also kaufen sie früh zu festen Preisen ein.
ErzeugerEin Windpark oder ein Kraftwerk will wissen, mit welchen Einnahmen es rechnen kann, zum Beispiel um einen Kredit zu bedienen. Also verkauft es einen Teil seiner Erzeugung im Voraus.
IndustrieFür viele Betriebe ist Strom ein großer Kostenblock. Wer seine Produkte heute zu festen Preisen verkauft, will auch seine Stromkosten kennen.
HändlerSie verbinden Käufer und Verkäufer und übernehmen dafür Risiken, die die anderen nicht tragen wollen. Manche spekulieren auch gezielt auf steigende oder fallende Preise.

Probier es aus: abgesichert oder nicht?

Das Stadtwerk Südstadt braucht 2027 gleichmäßig 10 MW, also 87.600 MWh (10 MW mal 8.760 Stunden). Heute kann es dieses Base-Paket am Terminmarkt für 85 €/MWh kaufen. Wie hoch der Börsenpreis 2027 im Schnitt wirklich sein wird, weiß niemand.

Mit Absicherung
…
Ohne Absicherung
…
……

Was du sehen solltest: Mit Absicherung bleiben die Kosten immer gleich, egal was der Markt macht. Ohne Absicherung schwanken sie stark. Steigt der Preis, war die Absicherung ein gutes Geschäft. Fällt er, hätte man ohne Absicherung gespart. Genau deshalb ist Absichern keine Wette, sondern das Gegenteil: Man verzichtet auf die Chance, um das Risiko loszuwerden.

Finanziell statt physisch

Die meisten Terminkontrakte in Deutschland werden finanziell erfüllt. Das Stadtwerk bekommt 2027 keinen Strom von seinem Handelspartner geliefert. Es kauft seinen Strom ganz normal am Day-Ahead-Markt, und der Terminkontrakt gleicht nur die Differenz zum vereinbarten Preis aus. Liegt der Börsenpreis bei 120 €/MWh, bekommt das Stadtwerk 35 €/MWh erstattet. Liegt er bei 60 €/MWh, zahlt es 25 €/MWh drauf. Am Ende kostet der Strom so oder so 85 €/MWh. Solche Differenzgeschäfte heißen auch Swaps.

Was die Preise am Terminmarkt verraten

Die Terminpreise zeigen, was der Markt heute für die Zukunft erwartet. Zwei Beispiele aus einem Marktbericht vom Dezember 2025:

Die Zukunft wird günstiger erwartetBase 2027 kostete rund 84 €/MWh, Base 2029 nur noch rund 76 €/MWh. Der Markt rechnet damit, dass mehr Wind und Sonne die Preise drücken.
Im Sommer ist Peak billiger als BaseFür das zweite Quartal 2026 kostete Peak rund 52 €/MWh, Base rund 71 €/MWh. Früher war Peak immer teurer. Heute erwartet der Markt genau das Muster aus Lektion 3.3: Die Sonne drückt die Preise tagsüber, also in den Peak-Stunden.

Werte gerundet aus dem Strombericht der Stadtwerke Bamberg vom 30.12.2025. Terminpreise ändern sich täglich.

Rückblick und Ausblick

Damit schließt sich der rote Faden: Du weißt, wie der Preis entsteht (3.2), was er erzählt (3.3) und wie man kurzfristig korrigiert (3.4) und sich langfristig absichert (3.5). Eine Frage bleibt offen: Was verdient eigentlich ein Windpark oder eine Solaranlage, wenn ihr Strom gerade dann ins Netz geht, wenn die Preise tief fallen? Und wie sichern sie sich ab? Darum geht es in Kapitel 4: Erneuerbare im System, mit Marktwert und Förderung.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Absichern bedeutet Gewissheit statt Chance. Wer das verstanden hat, versteht, warum fast alle großen Marktteilnehmer es tun.
  • Finanzielle Erfüllung: Gekauft wird am Spotmarkt, der Terminkontrakt gleicht die Differenz aus.
  • Terminpreise sind die Erwartung des Marktes an die Zukunft.

Auswendig lernen

  • Begriffe: Terminmarkt, Absicherung (Hedging), Swap.
  • Lieferanten sichern Kosten ab, Erzeuger sichern Einnahmen ab.
  • Ein Jahr Base mit 1 MW = 8.760 MWh.

Nicht lernen

  • Konkrete Terminpreise, sie ändern sich täglich.
  • Unterschiede zwischen Futures, Forwards und Swaps im Detail.
  • Das Handyvertrag-Bild.

Mini-Quiz

Ein Stadtwerk hat für 85 €/MWh abgesichert. Der Börsenpreis liegt später im Schnitt bei 60 €/MWh. Was bedeutet das?

Ein Windpark verkauft einen Teil seiner erwarteten Erzeugung für das nächste Jahr am Terminmarkt. Warum?

Ende Kapitel 3

Abschluss-Checkliste

Verstehen

  • Die Leitfrage des Kapitels und ihre drei Schritte
  • Wie in der Auktion ein Einheitspreis entsteht und wie daraus die Merit Order wird
  • Den Einfluss von Gas- und CO₂-Preis
  • Warum Preise negativ werden
  • Absichern als Gewissheit statt Chance

Erklären können

  • Eine Tagespreiskurve mit Residuallast und Merit Order
  • Warum alle denselben Preis bekommen
  • Warum der Strompreis 2022 so stark gestiegen ist
  • Wofür der Intraday-Markt da ist

Auswendig können

  • Terminmarkt, Day-Ahead (12 Uhr), Intraday (bis 5 Minuten vorher)
  • Base und Peak
  • Merit Order, Grenzkosten, Deckungsbeitrag
  • Größenordnungen 2025: rund 90 €/MWh, rund 570 negative Stunden

Nicht lernen müssen

  • Konkrete Terminpreise
  • Technische Details der Börsen und Rechenverfahren
  • Alle Beispielzahlen und Geschichten

Weiter geht es mit Kapitel 4: Erneuerbare im System.

Kapitel 4

Erneuerbare im System

Wind und Sonne liefern heute mehr als die Hälfte des deutschen Stroms. Mit allem, was du aus den Kapiteln 1 bis 3 weißt, schauen wir jetzt auf ihre besondere Lage: Sie sind die günstigsten Erzeuger, drücken aber genau dann den Preis, wenn sie selbst viel liefern. Dieses Kapitel klärt in zwei Lektionen, was sie wirklich verdienen und warum und wie sie trotzdem gefördert werden.

Lektion 4.1 · ca. 18 Minuten · mit Mitmach-Grafik

Der Marktwert: Was verdienen Wind und Sonne?

Kurzfassung

Eine Solaranlage bekommt nicht den Durchschnittspreis der Börse, sondern den Preis der Stunden, in denen sie gerade liefert. Dieser Durchschnitt, gewichtet mit der eigenen Erzeugung, heißt Marktwert. Weil alle Solaranlagen gleichzeitig liefern und damit selbst den Preis drücken, liegt ihr Marktwert deutlich unter dem Durchschnittspreis. 2025 bekam Solarstrom im Schnitt nur etwa die Hälfte des durchschnittlichen Börsenpreises, Windstrom an Land gut vier Fünftel. Je mehr Anlagen gebaut werden, desto stärker wird dieser Effekt. Man nennt ihn Kannibalisierung.

Was du schon weißt

Am Ende von Kapitel 3 blieb eine Frage offen: Was verdient eine Solaranlage, wenn ihr Strom gerade dann ins Netz geht, wenn der Preis mittags tief fällt? Aus Lektion 3.2 weißt du, dass Wind und Sonne den Preis senken, und aus 3.3, dass er an sonnigen Tagen mittags sogar negativ werden kann. Jetzt drehen wir die Perspektive um und schauen mit den Augen des Anlagenbetreibers auf diese Preise.

Bild zum Merken: die Eisverkäufer

An heißen Tagen haben alle Eisverkäufer am Strand viel Eis, und weil alle gleichzeitig viel anbieten, sinkt der Preis genau an diesen Tagen. Ein einzelner Verkäufer verkauft dann zwar viel, aber billig. An kühlen Tagen wäre Eis teuer, aber dann hat er kaum welches. Über den ganzen Sommer verdient er deshalb pro Kugel weniger als der Durchschnittspreis aller Tage. Solaranlagen haben genau dieses Problem: Wenn bei einer die Sonne scheint, scheint sie bei allen.

Erst das Prinzip, dann ein Beispiel

Ein Tag mit zwei Hälften

Vormittags ist es bewölkt: Der Strompreis liegt bei 120 €/MWh, die Solaranlage erzeugt 10 MWh. Nachmittags scheint die Sonne überall: Der Preis fällt auf 20 €/MWh, die Anlage erzeugt 90 MWh.

Durchschnittspreis des Tages: (120 + 20) ÷ 2 = 70 €/MWh.

Was die Anlage im Schnitt bekommt: Sie verkauft 10 MWh zu 120 € und 90 MWh zu 20 €. Das sind 1.200 € plus 1.800 €, zusammen 3.000 € für 100 MWh, also 30 €/MWh.

Die Anlage erzielt also weniger als die Hälfte des Durchschnittspreises, weil sie fast ihre ganze Menge in den billigen Stunden verkauft.

Erst ganz zum Schluss die Regel als Satz:

Marktwert = Erlös aller verkauften MWh geteilt durch die Zahl der MWh

Teilt man den Marktwert durch den Durchschnittspreis, erhält man den Wertfaktor: Im Beispiel 30 ÷ 70 = 43 %. Er sagt, wie viel Prozent des Durchschnittspreises eine Technologie tatsächlich erzielt.

Probier es aus: Was passiert, wenn mehr Solaranlagen gebaut werden?

…Durchschnittspreis des Tages
…Marktwert Solar · Wertfaktor
…Marktwert Wind · Wertfaktor
Solarerzeugung (rechte Achse, GW) Strompreis (linke Achse, €/MWh)

Vereinfachter Sommertag mit gleichmäßigem Wind von 15 GW. Der Preis folgt grob der Merit Order aus Lektion 3.2. Keine echten Marktdaten.

Was du sehen solltest: Schieb den Regler zuerst ganz nach links und dann langsam nach rechts. Ohne Solaranlagen ist der Preis mittags hoch, und die ersten Solaranlagen verdienen sogar mehr als den Durchschnitt. Mit jedem weiteren Gigawatt sinkt der Mittagspreis, bis er unter null fällt. Der Durchschnittspreis sinkt dabei nur mäßig, der Marktwert Solar dagegen stark: Die Anlagen graben sich gegenseitig das Wasser ab. Der Wind, der im Beispiel rund um die Uhr gleichmäßig weht, ist davon viel weniger betroffen.

Die echten Zahlen

Börse
89,3 €/MWh Durchschnittspreis
Wind
74,4 €/MWh Marktwert Wind an Land (83 %)
Sonne
45,1 €/MWh Marktwert Solar (50 %)

Jahresmarktwerte 2025 laut Übertragungsnetzbetreibern (netztransparenz.de), Prozentwerte selbst berechnet als Anteil am Durchschnittspreis.

Über das Jahr schwankt das noch viel stärker. Im Juni 2025 lag der Marktwert Solar bei nur gut 18 €/MWh, im Dezember bei über 93 €/MWh. Im Sommer liefern alle Anlagen viel und drücken den Preis, im Winter liefern sie wenig und bekommen dafür gute Preise. Und der Trend zeigt nach unten: Vor einigen Jahren erzielte Solarstrom noch ungefähr den Durchschnittspreis. Eine Studie des Beratungsunternehmens Enervis erwartet für 2028 einen Marktwert Solar von nur noch rund 37 €/MWh.

Warum trifft es den Wind weniger?

Das folgt direkt aus Kapitel 1. Die Sonne liefert ihren Strom immer zur selben Zeit: mittags und im Sommer, und zwar bei allen Anlagen gleichzeitig. Der Wind verteilt sich über Tag und Nacht und weht vor allem im Winter, wenn der Verbrauch hoch ist (Lektion 1.3). Er drückt den Preis zwar auch, an stürmischen Tagen sogar stark, aber nicht so verlässlich jeden Tag zur selben Stunde.

Was gegen die Kannibalisierung hilft

SpeicherEine Batterie neben dem Solarpark lädt mittags und verkauft abends. So wandert Strom aus billigen in teure Stunden (Lektionen 1.4 und 3.3).
Flexibler VerbrauchElektroautos, Wärmepumpen und Elektrolyseure, die mittags Strom nehmen, heben den Mittagspreis an.
Andere AusrichtungSolarmodule nach Osten und Westen liefern morgens und abends mehr, also in Stunden mit höheren Preisen.
Die richtige MischungWind und Sonne ergänzen sich. Ein System mit beiden ist weniger anfällig als eines mit nur einer Quelle.
Wie es weitergeht

Jetzt wird eine Frage drängend: Ein neuer Windpark braucht nach den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur rund 60 €/MWh, um sich zu rechnen, ein großer Solarpark rund 48 €/MWh. Der Marktwert Solar lag 2025 schon darunter, und er sinkt weiter. Wer baut dann noch? Die Antwort ist die Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Darum geht es in Lektion 4.2.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Der Marktwert ist der mit der eigenen Erzeugung gewichtete Durchschnittspreis. Er bestimmt, was eine Anlage wirklich verdient, und ist deshalb die wichtigste Zahl für jeden Wind- und Solarpark.
  • Kannibalisierung: Gleichzeitige Erzeugung drückt den eigenen Preis. Daraus folgt, warum mehr Anlagen den Marktwert senken.
  • Warum Solar stärker betroffen ist als Wind.

Auswendig lernen

  • Begriffe: Marktwert, Wertfaktor, Kannibalisierung.
  • Größenordnung 2025: Solar erzielt etwa die Hälfte des Durchschnittspreises, Wind an Land gut vier Fünftel.
  • Gegenmittel: Speicher, flexibler Verbrauch, andere Ausrichtung, Mischung aus Wind und Sonne.

Nicht lernen

  • Die genauen Marktwerte in Cent oder Euro.
  • Monatswerte und Prognosen.
  • Die Zahlen aus dem Beispiel und dem Werkzeug.
  • Die Eis-Geschichte.

Mini-Quiz

Der durchschnittliche Börsenpreis eines Jahres lag bei 90 €/MWh. Was hat eine Solaranlage in diesem Jahr wahrscheinlich im Schnitt erzielt?

Eine Anlage verkauft 20 MWh zu 100 €/MWh und 80 MWh zu 25 €/MWh. Wie hoch ist ihr Marktwert?

Warum ist der Wertfaktor von Windstrom höher als der von Solarstrom?

Lektion 4.2 · ca. 20 Minuten · mit Mitmach-Grafik

Förderung: das EEG und die Marktprämie

Kurzfassung

Wind- und Solarparks kosten viel Geld beim Bau, und ihre Einnahmen am Markt schwanken stark. Damit trotzdem gebaut wird, garantiert das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) neuen Anlagen 20 Jahre lang einen Mindesterlös, den anzulegenden Wert. Wie hoch er ist, wird in Ausschreibungen ermittelt. Die Anlage verkauft ihren Strom am Markt, und liegt der Marktwert unter dem anzulegenden Wert, zahlt der Staat die Differenz dazu: die Marktprämie. Liegt er darüber, behält der Betreiber heute den Mehrerlös. Das soll sich ab 2027 ändern: Dann soll er den Mehrerlös zurückzahlen.

Was du schon weißt

In Lektion 4.1 hast du gesehen, dass Solarstrom 2025 im Schnitt nur 45 €/MWh am Markt erzielte, und dass der Marktwert weiter sinkt. Ein neuer Solarpark braucht aber rund 48 €/MWh, ein Windpark rund 60 €/MWh, um sich zu rechnen. Diese Lücke, und vor allem die Unsicherheit über die nächsten 20 Jahre, schließt die Förderung.

Warum überhaupt fördern?

Ein Windpark kostet fast alles am Anfang: Planung, Turm, Rotor, Netzanschluss. Danach ist der Betrieb billig. Bezahlt wird der Bau meist mit einem Kredit über viele Jahre. Eine Bank gibt diesen Kredit aber nur, wenn sie sicher ist, dass genug Geld zurückkommt. Und genau das kann am Strommarkt niemand für 20 Jahre versprechen: Der Marktwert kann sinken (Lektion 4.1), Preise können negativ werden (Lektion 3.3). Die Förderung nimmt der Bank dieses Risiko ab.

Bild zum Merken: das Sicherheitsnetz

Ein Trapezkünstler arbeitet hoch über der Manege. Meistens geht alles gut, aber niemand würde ohne Netz anfangen. Die Marktprämie ist dieses Netz: Der Windpark verkauft seinen Strom ganz normal am Markt, aber sein Erlös kann nicht unter den anzulegenden Wert fallen. Und das Netz ist kein Trampolin: Wer über dem Netz bleibt, bekommt nichts dazu.

Wie sich die Förderung entwickelt hat

  1. 2000Feste EinspeisevergütungDas erste EEG garantiert jeder Anlage 20 Jahre lang einen festen Preis pro kWh, egal wann sie einspeist. Bezahlt wird das über die EEG-Umlage auf jeder Stromrechnung.
  2. 2012 bis 2014Direktvermarktung mit MarktprämieAb 2012 freiwillig, ab 2014 für neue größere Anlagen Pflicht: Sie verkaufen ihren Strom selbst am Markt und bekommen nur noch die Differenz zum garantierten Wert. So spüren sie wieder Marktpreise.
  3. 2017Ausschreibungen für Wind an LandDer garantierte Wert wird nicht mehr vom Gesetz festgelegt, sondern im Wettbewerb ermittelt. Wer am wenigsten Förderung braucht, bekommt den Zuschlag.
  4. Juli 2022Ende der EEG-UmlageDie Förderung wird nicht mehr über die Stromrechnung bezahlt, sondern aus dem Bundeshaushalt.
  5. ab 2027 (geplant)Zweiseitige DifferenzverträgeWer mehr verdient als garantiert, soll den Überschuss zurückzahlen. Dazu unten mehr.

So funktioniert die Marktprämie

Ein Windpark mit einem anzulegenden Wert von 60 €/MWh

Monat mit wenig Geld am Markt: Der Marktwert Wind liegt bei 45 €/MWh. Der Windpark verkauft seinen Strom und erhält dafür etwa 45 €/MWh. Die Marktprämie beträgt 60 minus 45 = 15 €/MWh. Zusammen bekommt er 60 €/MWh.

Monat mit viel Geld am Markt: Der Marktwert liegt bei 80 €/MWh. Die Marktprämie wäre 60 minus 80 = minus 20, sie wird aber nicht negativ, sondern ist null. Der Windpark behält die 80 €/MWh.

Erst ganz zum Schluss die Regel als Satz:

Marktprämie = anzulegender Wert minus Marktwert, aber nie weniger als null

Fördermodell:
……
Erlös am Markt Marktprämie vom Staat Rückzahlung an den Staat

Vereinfachtes Beispiel mit einem anzulegenden Wert von 60 €/MWh. Der Erlös am Markt ist hier gleich dem Marktwert gesetzt.

Was du sehen solltest: Im heutigen Modell kann der Gesamterlös nie unter 60 €/MWh fallen, nach oben ist er offen. Im zweiseitigen Modell ist er bei 60 €/MWh festgenagelt, in beide Richtungen. Der Betreiber verliert also die Chance auf hohe Preise, dafür bekommt die Allgemeinheit in teuren Jahren Geld zurück.

Woher kommt der anzulegende Wert?

Die Bundesnetzagentur schreibt mehrmals im Jahr eine bestimmte Menge Leistung aus, zum Beispiel 3.400 MW Wind an Land. Projektierer bieten, mit welchem anzulegenden Wert sie auskommen würden. Die günstigsten Gebote bekommen den Zuschlag, bis die Menge voll ist. Es gibt einen Höchstwert, über dem niemand bieten darf.

Ein wichtiger Unterschied zur Day-Ahead-Auktion aus Lektion 3.2: Hier bekommt jeder sein eigenes Gebot, nicht den Preis des letzten Zuschlags. Man nennt das Gebotspreisverfahren (englisch: pay as bid).

Wind an Land, November 2025Durchschnittlich 6,06 ct/kWh, also rund 61 €/MWh. Höchstwert: 7,35 ct/kWh. Die Ausschreibung war deutlich überzeichnet, der Wettbewerb hat die Werte gedrückt.
Solar auf Freiflächen, 2025Durchschnittlich knapp 5 ct/kWh, also rund 47 bis 48 €/MWh. Solar ist im Bau deutlich günstiger als Wind, verdient am Markt aber auch weniger.

Wer verkauft den Strom eigentlich?

Wenn hier steht, dass die Anlage ihren Strom „am Markt verkauft“, dann handelt in der Praxis nicht der Landwirt mit dem Windrad selbst an der Börse. Das übernimmt ein spezialisierter Händler, der Direktvermarkter (Lektion 2.2). Er erstellt die Erzeugungsprognosen, verkauft den Strom am Day-Ahead- und Intraday-Markt und führt den Bilanzkreis, also genau das, was Nordwind in der Geschichte aus Lektion 2.6 getan hat. Für neue Anlagen ab 100 kW ist dieser Weg seit 2016 Pflicht.

Ein feines, aber wichtiges Detail

Die Marktprämie wird nicht aus dem Erlös der einzelnen Anlage berechnet, sondern aus dem Marktwert der ganzen Technologie, also dem Durchschnitt aller Windparks in Deutschland. Ein Windpark, der seinen Strom besser verkauft als der Durchschnitt, verdient mehr als den anzulegenden Wert. Einer, der schlechter verkauft, weniger. Es lohnt sich also, den eigenen Strom geschickt zu verkaufen.

Keine Förderung bei negativen Preisen

Würde die Marktprämie auch bei negativen Preisen fließen, hätte ein Windpark einen Grund, weiter einzuspeisen, obwohl der Strom gerade niemand braucht. Deshalb gilt: Für neue Anlagen, die seit dem 25. Februar 2025 in Betrieb gehen, entfällt die Förderung in jeder Viertelstunde mit negativem Day-Ahead-Preis. Zum Ausgleich wird ihr Förderzeitraum um diese Zeit verlängert. Für ältere Anlagen gelten großzügigere Regeln, bei denen die Förderung erst entfällt, wenn die Preise mehrere Stunden am Stück negativ sind. So wirkt die Förderung mit der Preislogik aus Lektion 3.3 zusammen statt gegen sie.

Wer bezahlt das?

Das Geld läuft über das EEG-Konto der Übertragungsnetzbetreiber. Auf der einen Seite stehen die Zahlungen an die Anlagen, auf der anderen die Erlöse aus dem Verkauf des geförderten Stroms. Bis Mitte 2022 wurde die Lücke über die EEG-Umlage auf jeder Stromrechnung gefüllt, seitdem aus dem Bundeshaushalt. 2025 waren das rund 16,5 Milliarden Euro.

Daraus folgt ein überraschender Zusammenhang: Je niedriger die Börsenpreise, desto teurer die Förderung, weil die Marktprämie die Lücke füllen muss. Im Krisenjahr 2022 mit sehr hohen Preisen floss dagegen kaum Förderung, und das EEG-Konto füllte sich.

Ausblick: Was sich ab 2027 ändern soll

Die EU verlangt, dass staatliche Förderung für neue Anlagen künftig in beide Richtungen wirkt: Wer in teuren Jahren mehr verdient als garantiert, gibt den Überschuss zurück. Außerdem läuft die beihilferechtliche Genehmigung des heutigen EEG Ende 2026 aus. Die Bundesregierung hat deshalb im Juli 2026 eine EEG-Novelle beschlossen. Ihr Kern für Anlagen ab 100 kW: Die Marktprämie bleibt, dazu kommt ein Refinanzierungsbeitrag. Liegt der Jahresmarktwert über dem anzulegenden Wert, zahlt der Betreiber die Differenz zurück. Das entspricht einem zweiseitigen Differenzvertrag (englisch: Contract for Difference, kurz CfD).

Befürworter sehen darin mehr Fairness und geringere Kosten für die Allgemeinheit. Kritiker aus der Branche befürchten, dass Projekte riskanter werden und Gebote deshalb steigen, und streiten über Details der Ausgestaltung. Stand Anfang November 2026 liegt der Entwurf im Bundestag. Die Abstimmung wird für Mitte November erwartet, danach muss noch der Bundesrat zustimmen. Die Details können sich also noch ändern.

Rückblick

Damit schließt sich der Kreis von Kapitel 4: Wind und Sonne drücken den Preis genau dann, wenn sie selbst liefern, und verdienen deshalb weniger als den Durchschnitt (4.1). Damit trotzdem gebaut wird, sichert die Förderung einen Mindesterlös ab, künftig in beide Richtungen (4.2). Und alles, was du dafür brauchst, kennst du aus den Kapiteln 1 bis 3: Residuallast, Merit Order, negative Preise.

Was muss ich wirklich lernen?

Verstehen

  • Warum gefördert wird: hohe Baukosten, unsichere Markterlöse über 20 Jahre. Ohne dieses Verständnis bleibt die ganze Förderlogik abstrakt.
  • Gleitende Marktprämie: Der Staat füllt die Lücke zwischen Marktwert und anzulegendem Wert. Heute einseitig, künftig zweiseitig.
  • Ausschreibungen im Gebotspreisverfahren, anders als die Day-Ahead-Auktion.
  • Warum die Förderung bei negativen Preisen entfällt.

Auswendig lernen

  • Begriffe: anzulegender Wert, Marktprämie, Ausschreibung, Höchstwert, Differenzvertrag (CfD), Direktvermarkter.
  • Marktprämie = anzulegender Wert minus Marktwert, nie unter null.
  • Förderdauer: 20 Jahre.
  • EEG-Umlage bis Mitte 2022, seitdem Bundeshaushalt.

Nicht lernen

  • Die Jahreszahlen der EEG-Geschichte außer 2022.
  • Zuschlagswerte und Höchstwerte im Detail.
  • Die alten Stundenregeln für negative Preise.
  • Den genauen Stand des Gesetzgebungsverfahrens, er ändert sich gerade.

Mini-Quiz

Anzulegender Wert 60 €/MWh, Marktwert 40 €/MWh. Wie hoch ist die Marktprämie?

Im heutigen Modell liegt der Marktwert bei 90 €/MWh, der anzulegende Wert bei 60 €/MWh. Was passiert?

Warum steigen die Förderkosten, wenn die Börsenpreise fallen?

Worin unterscheidet sich die EEG-Ausschreibung von der Day-Ahead-Auktion?

Ende Kapitel 4

Abschluss-Checkliste

Verstehen

  • Warum Wind und Sonne weniger als den Durchschnittspreis verdienen
  • Warum Solar stärker betroffen ist als Wind
  • Warum gefördert wird und wie die Marktprämie die Lücke füllt
  • Warum die Förderung bei negativen Preisen entfällt

Erklären können

  • Marktwert und Wertfaktor mit einem einfachen Rechenbeispiel
  • Kannibalisierung und was dagegen hilft
  • Einseitige gegen zweiseitige Förderung
  • Warum niedrige Börsenpreise die Förderung teurer machen

Auswendig können

  • Marktwert, Wertfaktor, Kannibalisierung
  • Marktprämie = anzulegender Wert minus Marktwert, nie unter null
  • Größenordnung 2025: Solar etwa die Hälfte, Wind gut vier Fünftel des Durchschnittspreises
  • EEG-Umlage bis 2022, seitdem Bundeshaushalt

Nicht lernen müssen

  • Konkrete Markt- und Zuschlagswerte
  • Die Geschichte des EEG im Detail
  • Den Stand der EEG-Reform 2027

Damit hast du alle vier Kapitel geschafft: von der Steckdose bis zur Förderung von Wind und Sonne. Jetzt fehlt nur noch der Abschlusstest.

Abschluss

Abschlusstest und Zertifikat

Zum Schluss prüfst du, ob das Wichtigste aus allen vier Kapiteln sitzt. Wer den Test besteht, kann sich ein Zertifikat für den Kurs Grundwissen Energiemarkt erstellen.

20 Fragen · ca. 15 Minuten

Abschlusstest

So läuft der Test

Du bekommst 20 Fragen, zufällig ausgewählt aus allen vier Kapiteln. Pro Frage gibt es genau eine richtige Antwort. Zum Bestehen brauchst du mindestens 18 richtige Antworten, also 90 Prozent. Die Auflösung siehst du erst am Ende. Wenn es nicht klappt, kannst du den Test beliebig oft wiederholen, jedes Mal mit neuen Fragen.

Zertifikat

Dein Zertifikat

Sobald du den Abschlusstest mit mindestens 18 von 20 richtigen Antworten bestanden hast, kannst du hier dein Zertifikat für den Kurs Grundwissen Energiemarkt als PDF erstellen.