Energiehandel und Risikomanagement
Wie Unternehmen Strom Jahre im Voraus handeln, Preise absichern, ihre Geschäfte bewerten und Risiken im Griff behalten. Sechs Lektionen, vom einzelnen Geschäft bis zur Organisation eines Handelshauses.
Vorwissen: Es hilft, wenn du weißt, dass es einen Terminmarkt und einen Spotmarkt gibt. Alles Weitere wird im Kurs erklärt.
Wo Strom gehandelt wird: Börse und außerbörslicher Handel
Strom wird nicht nur für morgen gehandelt, sondern bis zu mehrere Jahre im Voraus. Dafür gibt es zwei Wege. An der Börse handelt man standardisierte Produkte, und eine Clearingstelle steht zwischen Käufer und Verkäufer. Beim außerbörslichen Handel (OTC, „over the counter“) schließen zwei Firmen direkt miteinander ab, oft vermittelt durch einen Makler.
Die Börse ist sicher und anonym, verlangt aber Sicherheiten. Der außerbörsliche Handel ist flexibel, dafür muss man dem Partner vertrauen.
Du kannst ein gebrauchtes Auto über eine Plattform mit Treuhandkonto kaufen: Die Plattform hält dein Geld, bis das Auto übergeben ist. Du musst den Verkäufer nicht kennen, zahlst aber eine Gebühr und musst das Geld vorab hinterlegen. Das ist die Börse.
Oder du kaufst direkt von Privat, per Handschlag. Ihr könnt alles frei aushandeln, auch Sonderwünsche. Aber wenn der andere nicht liefert, hast du ein Problem. Das ist der außerbörsliche Handel.
Was wird eigentlich gehandelt?
Ein Stromprodukt am Terminmarkt beschreibt drei Dinge: wann geliefert wird, in welchem Muster und wie viel.
Zeitraum: ein Monat, ein Quartal oder ein ganzes Kalenderjahr. Das Kalenderjahr 2027 heißt im Händlerjargon „Cal-27“.
Muster: Base bedeutet gleiche Leistung in allen Stunden des Zeitraums. Peak bedeutet nur werktags von 8 bis 20 Uhr.
Menge: angegeben als Leistung in Megawatt (MW). Die Energiemenge ergibt sich aus Leistung mal Stunden.
„Cal-27 Base, 10 MW“ heißt: im ganzen Jahr 2027 in jeder Stunde 10 MW. Ein Jahr hat 8.760 Stunden, also werden 10 × 8.760 = 87.600 MWh geliefert. Bei einem Preis von 80 €/MWh ist das ein Geschäft über rund 7 Millionen Euro.
Die Börse: Standard und Sicherheit
In Deutschland läuft der Terminhandel an der EEX (European Energy Exchange) in Leipzig. Der kurzfristige Handel für morgen und heute läuft an der EPEX SPOT.
Das Besondere an der Börse ist das Clearinghaus. Sobald ein Geschäft zustande kommt, wird das Clearinghaus Vertragspartner beider Seiten: Es kauft vom Verkäufer und verkauft an den Käufer. Niemand muss dem anderen vertrauen, nur dem Clearinghaus. Dafür verlangt es von allen Teilnehmern Sicherheiten, und zwar täglich neu berechnet. Wie das funktioniert, kommt in Lektion 5.
Die meisten Strom-Futures an der EEX werden übrigens finanziell erfüllt: Es fließt kein Strom, sondern am Ende wird die Differenz zum Spotpreis in Geld ausgeglichen. Den Strom selbst kauft oder verkauft man dann am Spotmarkt.
Der außerbörsliche Handel: flexibel, aber mit Vertrauen
Ein großer Teil des Terminhandels läuft außerbörslich. Makler (Broker) bringen Käufer und Verkäufer zusammen, oder zwei Firmen handeln direkt miteinander. Die Grundregeln stehen in einem Rahmenvertrag, in Europa meist dem Standardvertrag des Händlerverbands EFET. Darin ist zum Beispiel geregelt, was passiert, wenn eine Seite nicht liefert oder nicht zahlt.
Der Vorteil: Fast alles ist verhandelbar, etwa ein Liefermuster, das genau zum Verbrauch eines Industriebetriebs passt, oder eine Laufzeit über zehn Jahre. Der Nachteil: Man trägt das Risiko, dass der Partner ausfällt. Nach jedem Abschluss bestätigen beide Seiten das Geschäft schriftlich (die Bestätigung, englisch Confirmation), damit es keine Missverständnisse gibt.
Für beide Wege gilt: Großhandelsgeschäfte mit Strom und Gas müssen nach der EU-Verordnung REMIT an die europäische Energieregulierungsbehörde gemeldet werden. Insiderhandel und Marktmanipulation sind verboten.
Jetzt weißt du, wo und was gehandelt wird. Aber warum handeln Erzeuger und Stadtwerke überhaupt Jahre im Voraus? Die Antwort heißt Absicherung, darum geht es in Lektion 2.
Was muss ich wirklich lernen?
Verstehen
- Warum es Börse und außerbörslichen Handel nebeneinander gibt: Sicherheit gegen Flexibilität.
- Was das Clearinghaus tut: Es wird Vertragspartner beider Seiten, damit niemand dem anderen vertrauen muss.
- Was ein Stromprodukt beschreibt: Zeitraum, Muster und Menge.
Auswendig lernen
- EEX = Terminmarkt, EPEX SPOT = Day-Ahead und Intraday.
- Base = alle Stunden, Peak = werktags 8 bis 20 Uhr. Cal = Kalenderjahr.
- OTC = außerbörslich, Rahmenvertrag meist nach EFET.
- REMIT: Meldepflicht und Verbot von Insiderhandel.
Nicht lernen
- Namen einzelner Makler und Handelsplattformen.
- Handelszeiten und Gebühren der Börse.
- Die genaue Berechnung der Sicherheiten (kommt grob in Lektion 5).
Mini-Quiz
Was macht das Clearinghaus an der Börse?
Das Clearinghaus schiebt sich zwischen beide Seiten. Fällt ein Teilnehmer aus, steht trotzdem das Clearinghaus für das Geschäft ein.
Wie viel Energie umfasst das Produkt „Cal-27 Base, 5 MW“?
5 MW in jeder der 8.760 Stunden des Jahres ergeben 43.800 MWh.
Was ist ein Vorteil des außerbörslichen Handels?
Außerbörslich lässt sich fast alles verhandeln. Dafür trägt man das Risiko, dass der Partner ausfällt.
Hedging: Preise heute festmachen
Niemand weiß, was Strom in einem Jahr kostet. Hedging heißt: einen Teil der Menge schon heute zu einem festen Preis verkaufen oder kaufen. Das Ergebnis wird dadurch planbarer, nicht unbedingt höher.
Ein Windpark sichert aber nie seine ganze erwartete Erzeugung ab. Er weiß nicht, wie viel Wind wehen wird, und er produziert nicht gleichmäßig. Deshalb gibt es drei Risiken: Preis, Menge und Profil.
Ein Bauer verkauft im Frühjahr einen Teil seiner Ernte zum Festpreis an die Mühle. Fallen die Getreidepreise bis zum Herbst, ist er froh. Steigen sie, hat er etwas verpasst, aber er konnte sicher planen.
Verkauft er im Frühjahr seine ganze erwartete Ernte und dann kommt eine Dürre, muss er das fehlende Getreide zukaufen, und zwar genau dann, wenn es knapp und teuer ist. Darum verkauft ein kluger Bauer nur einen Teil.
Wer sichert was ab?
Erzeuger wie Windparks oder Kraftwerke sichern ihre Einnahmen ab: Sie verkaufen heute Strom für die Zukunft. Fallen die Preise, sind sie geschützt.
Lieferanten wie Stadtwerke sichern ihre Kosten ab: Sie kaufen heute den Strom, den ihre Kunden später verbrauchen. Steigen die Preise, sind sie geschützt, denn sie haben ihren Kunden oft schon feste Tarife versprochen.
Absicherung ist das Gegenteil von Spekulation. Ein Spekulant geht ein Risiko ein, um zu gewinnen. Ein Absicherer gibt mögliche Gewinne auf, um ein Risiko loszuwerden.
Die drei Risiken eines Windparks
1. Preisrisiko: Der Strompreis kann fallen. Dagegen hilft der Verkauf am Terminmarkt.
2. Mengenrisiko: Niemand weiß, wie stark der Wind im nächsten Jahr weht. Hat der Windpark 100 GWh verkauft, aber nur 80 GWh erzeugt, muss er 20 GWh am Spotmarkt zukaufen. Weht mehr Wind als erwartet, verkauft er den Überschuss zum Spotpreis.
3. Profilrisiko: Ein Base-Produkt liefert in jeder Stunde gleich viel. Ein Windpark produziert mal viel, mal nichts. Die Differenz gleicht er Stunde für Stunde am Spotmarkt aus. Weil oft viele Windparks gleichzeitig Strom liefern, sind die Preise genau dann niedrig, wenn er Überschuss verkauft, und eher hoch, wenn er zukaufen muss. Das kostet Geld.
Probier es aus: Wie viel absichern?
Ein Windpark erwartet im nächsten Jahr 100 GWh Strom. Am Terminmarkt kann er heute zu 80 €/MWh verkaufen. Wie viel davon soll er absichern? Die Tabelle zeigt den Jahreserlös in vier möglichen Welten.
Was du sehen solltest: Ohne Absicherung bringt der schlechteste Fall nur 3,75 Mio €. Mit steigender Quote wird der schlechteste Fall besser, am besten ist er in diesem Beispiel bei 70 bis 80 %. Sichert der Windpark mehr ab, wird es wieder schlechter: Bei wenig Wind und hohen Preisen muss er viel Strom teuer zukaufen, den er nicht selbst erzeugt hat.
Genau dieser schlechteste Fall ist nicht selten: Ist es in ganz Europa windstill, fehlt viel Windstrom, und die Preise steigen. Wenig Wind und hohe Preise treten also oft gemeinsam auf. Darum sichern Windparks meist deutlich weniger als ihre erwartete Erzeugung ab.
Nicht alles an einem Tag: gestaffelt absichern
Wer seine ganze Menge an einem Tag verkauft, setzt alles auf den Preis dieses Tages. Üblicher ist es, über Monate oder Jahre in Teilmengen zu verkaufen, zum Beispiel jeden Monat ein Stück. Am Ende ergibt sich ein Durchschnittspreis, und ein einzelner schlechter Tag fällt kaum ins Gewicht.
Absichern ohne Strom zu liefern: der Swap
Oft verkauft der Windpark seinen Strom weiter jeden Tag am Spotmarkt und sichert nur den Preis über einen Swap ab. Ein Swap ist ein Tausch von Zahlungen: Der Windpark zahlt seinem Partner den schwankenden Spotpreis und bekommt dafür einen festen Preis. Unterm Strich erhält er für die abgesicherte Menge den festen Preis, egal was der Spotmarkt macht.
Der Spotpreis liegt im Monatsschnitt bei 60 €/MWh. Der Windpark verkauft seinen Strom am Spotmarkt für 60 €. Aus dem Swap bekommt er 80 € und zahlt 60 €, also 20 € dazu. Zusammen: 80 €. Liegt der Spotpreis bei 100 €, zahlt er aus dem Swap 20 € drauf, erhält am Spotmarkt aber 100 €. Wieder zusammen 80 €.
Was muss ich wirklich lernen?
Verstehen
- Absichern macht das Ergebnis planbarer, nicht höher.
- Die drei Risiken Preis, Menge und Profil, und warum Wind besonders vom Mengen- und Profilrisiko betroffen ist.
- Warum eine Quote über 100 % gefährlich ist: wenig Wind und hohe Preise treten oft gemeinsam auf.
- Wie ein Swap funktioniert: variabel gegen fest tauschen.
Auswendig lernen
- Erzeuger sichern Einnahmen ab (verkaufen), Lieferanten sichern Kosten ab (kaufen).
- Begriffe: Hedging, Absicherungsquote, Preis-, Mengen- und Profilrisiko, Swap.
Nicht lernen
- Die Zahlen im Rechenbeispiel.
- Konkrete Quoten einzelner Unternehmen, die sind sehr unterschiedlich.
Mini-Quiz
Warum sichert ein Windpark nicht seine gesamte erwartete Erzeugung ab?
Weht weniger Wind als erwartet, fehlt Strom, und gerade dann sind die Preise oft hoch. Eine zu hohe Quote macht den schlechtesten Fall schlimmer.
Was ist das Profilrisiko?
Der Windpark gleicht Stunde für Stunde aus. Er verkauft Überschüsse oft zu niedrigen Preisen und kauft Fehlmengen oft zu hohen.
Was passiert bei einem Swap aus Sicht des Windparks?
Zusammen mit dem Verkauf am Spotmarkt ergibt sich für die abgesicherte Menge genau der feste Preis.
Bewertung: Was ist meine Position heute wert?
Ein Termingeschäft läuft oft über Jahre, und bis zur Lieferung ändert sich der Marktpreis ständig. Bei der Bewertung zum Marktpreis (Mark-to-Market) rechnet man jeden Tag aus, was das Geschäft wert ist, gemessen am heutigen Preis.
Die Differenz zwischen heutigem Marktpreis und vereinbartem Preis ist ein Gewinn oder Verlust auf dem Papier. Echt wird er erst mit der Lieferung. Und für einen Absicherer ist ein Papierverlust oft gar kein Problem.
Du hast eine Konzertkarte für 80 € gekauft. Inzwischen ist das Konzert ausverkauft, und Karten gehen für 120 € weg. Deine Karte ist jetzt 40 € mehr wert, obwohl du nichts getan hast.
Der Gewinn steht aber nur auf dem Papier. Fällt der Preis vor dem Konzert wieder, ist er weg. Echt wird er erst, wenn du die Karte verkaufst, oder wenn du ins Konzert gehst und den Abend genießt, für den andere jetzt mehr zahlen müssten.
Das Prinzip
Stell dir vor, du müsstest ein Geschäft heute noch einmal abschließen. Zu welchem Preis ginge das? Die Antwort liefert die Terminkurve (Forward-Kurve): Für jeden Lieferzeitraum, also jeden Monat, jedes Quartal, jedes Jahr, gibt es jeden Tag einen aktuellen Marktpreis. Die Börse veröffentlicht dafür täglich Abrechnungspreise.
Hat jemand günstiger gekauft, als es heute möglich wäre, ist sein Geschäft etwas wert. Hat jemand teurer gekauft, hat er einen Verlust auf dem Papier. Für den Verkäufer ist es genau umgekehrt.
Das Stadtwerk hat für 80 €/MWh gekauft. Heute kostet dasselbe Produkt 90 €/MWh. Pro MWh hat das Stadtwerk also 10 € gespart. Bei 87.600 MWh sind das 876.000 € Wert auf dem Papier. Der Windpark, der verkauft hat, hat genau diesen Betrag auf dem Papier verloren.
Als Formel, ganz zum Schluss: Wert für den Käufer = (heutiger Marktpreis minus vereinbarter Preis) × Menge. Für den Verkäufer dreht sich das Vorzeichen um.
Probier es aus
Ein Stadtwerk hat von einem Windparkbetreiber Cal-27 Base, 10 MW zu 80 €/MWh gekauft, also 87.600 MWh. Wie viel ist das Geschäft heute wert, wenn sich der Marktpreis bewegt?
…
Papiergewinn und echter Gewinn
Solange der Strom noch nicht geliefert ist, spricht man von unrealisiertem Gewinn oder Verlust. Er ändert sich jeden Tag mit dem Marktpreis. Realisiert wird er, wenn geliefert und bezahlt wird, oder wenn man das Geschäft vorher durch ein Gegengeschäft schließt.
Die tägliche Veränderung all dieser Werte nennt man PnL (profit and loss, Gewinn und Verlust). Händler und Risikocontrolling schauen jeden Morgen darauf.
Warum ein Papierverlust für den Windpark kein Drama ist
Im Beispiel verliert der Windpark auf dem Papier, wenn der Preis steigt. Aber er hat ja nicht nur verkauft, er erzeugt den Strom auch selbst. Steigt der Preis, wird sein noch nicht verkaufter Strom mehr wert. Beides zusammen gleicht sich aus: Für die abgesicherte Menge bekommt er die vereinbarten 80 €, egal was passiert. Genau das war das Ziel der Absicherung aus Lektion 2.
Ein Problem wird der Papierverlust trotzdem, wenn er sofort mit Geld hinterlegt werden muss. Das passiert bei Börsengeschäften, und darum geht es in Lektion 5.
Was muss ich wirklich lernen?
Verstehen
- Mark-to-Market heißt: das Geschäft mit dem heutigen Marktpreis bewerten.
- Unrealisiert gegen realisiert: Papierwert gegen echtes Geld.
- Für einen Absicherer gleicht sich der Papierverlust des Termingeschäfts mit dem Wertgewinn des eigenen Stroms aus.
Auswendig lernen
- Wert für den Käufer = (Marktpreis minus vereinbarter Preis) × Menge, für den Verkäufer umgekehrt.
- Begriffe: Mark-to-Market, Terminkurve (Forward-Kurve), PnL.
Nicht lernen
- Abzinsung zukünftiger Zahlungen, sie verändert die Werte nur leicht.
- Bilanzierungsregeln für Sicherungsgeschäfte.
Mini-Quiz
Ein Stadtwerk hat Cal-27 Base, 1 MW zu 80 €/MWh gekauft. Heute steht der Preis bei 90 €/MWh. Wie viel ist das Geschäft für das Stadtwerk wert?
10 € mehr pro MWh, mal 8.760 MWh, ergibt 87.600 € zugunsten des Käufers.
Ein Windpark hat zu 80 €/MWh verkauft, der Preis steigt auf 100 €/MWh. Was bedeutet das für ihn?
Absicherung bedeutet: Gewinne und Verluste gleichen sich aus. Für die abgesicherte Menge bleibt es bei 80 €.
Wann ist ein Gewinn realisiert?
Bis dahin ist der Gewinn nur ein Papierwert, der sich täglich ändert.
Risikokennzahlen: Wie viel kann ich verlieren?
Ein Handelshaus will wissen: Wie schlimm kann es an einem schlechten Tag werden? Der Value at Risk (VaR) beantwortet das mit einer einzigen Zahl, zum Beispiel: „Mit 95 % Wahrscheinlichkeit verlieren wir morgen nicht mehr als 1 Million Euro.“
Dafür spielt man viele mögliche Preisbewegungen durch und schaut auf die schlechtesten. Über die richtig schlimmen Ausnahmetage sagt der VaR aber nichts. Deshalb gibt es zusätzlich Stresstests und Limits.
Du sagst: „An 19 von 20 Tagen brauche ich höchstens 40 Minuten zur Arbeit.“ Damit kannst du gut planen. Aber die Zahl verrät nicht, was am 20. Tag passiert: Vielleicht 45 Minuten, vielleicht zwei Stunden, weil Schneechaos ist.
Die 40 Minuten sind dein Value at Risk. Die Frage „Was, wenn Schneechaos ist?“ ist dein Stresstest.
So entsteht die Zahl, in drei Schritten
Schritt 1, Szenarien: Man überlegt sich viele mögliche Preisbewegungen für morgen, zum Beispiel alle Tagesbewegungen der letzten 250 Handelstage.
Schritt 2, durchrechnen: Für jedes Szenario rechnet man aus, was mit dem Wert aller Geschäfte passieren würde (die Bewertung aus Lektion 3).
Schritt 3, sortieren und abschneiden: Man sortiert alle Ergebnisse vom schlechtesten zum besten. Beim 95-%-VaR schneidet man die schlechtesten 5 % ab. Der Verlust genau an dieser Grenze ist der VaR.
Probier es aus
Ein Handelsbuch wurde mit 250 möglichen Preisbewegungen für den nächsten Tag durchgerechnet. Jeder Balken zeigt, wie oft ein bestimmtes Ergebnis vorkam. Links die Verluste, rechts die Gewinne.
Was du sehen solltest: Je höher das Sicherheitsniveau, desto weiter links liegt die Grenze, desto größer also der VaR. Und rechts von der Grenze ist noch Platz: Die rot markierten Tage können deutlich schlimmer sein als der VaR selbst.
Zwei Stellschrauben
Sicherheitsniveau: üblich sind 95 % oder 99 %. Haltedauer: Wie lange würde es dauern, die Positionen notfalls zu schließen? Oft rechnet man mit einem Tag oder mit zehn Tagen. Je länger, desto größer der mögliche Verlust.
Wo der VaR an seine Grenzen kommt
Der VaR schaut in die Vergangenheit. Wenn etwas passiert, das es in den Daten noch nie gab, unterschätzt er das Risiko. Genau das geschah 2022, als sich Strom- und Gaspreise innerhalb weniger Monate vervielfachten.
Deshalb gibt es Stresstests: Man denkt sich gezielt extreme Situationen aus, etwa „der Gaspreis verdreifacht sich“ oder „ein großer Handelspartner fällt aus“, und rechnet durch, was dann passiert.
Und es gibt Limits: Die Geschäftsführung legt fest, wie hoch der VaR und die offenen Positionen höchstens sein dürfen. Das Risikocontrolling prüft das jeden Tag. Wird ein Limit überschritten, müssen Positionen verkleinert werden.
Was muss ich wirklich lernen?
Verstehen
- Was der VaR in einem Satz aussagt.
- Wie er entsteht: Szenarien durchrechnen, sortieren, die schlechtesten abschneiden.
- Was er nicht sagt: wie schlimm die Ausnahmetage sind. Darum Stresstests und Limits.
Auswendig lernen
- Der Mustersatz: „Mit 95 % Wahrscheinlichkeit verlieren wir in einem Tag nicht mehr als X.“
- Die zwei Stellschrauben: Sicherheitsniveau und Haltedauer.
- Begriffe: Value at Risk, Stresstest, Limit.
Nicht lernen
- Die verschiedenen Rechenmethoden (historisch, analytisch, Monte-Carlo-Simulation). Die Idee ist bei allen gleich.
- Weitere Kennzahlen wie den Expected Shortfall, der den Durchschnitt der schlimmsten Tage misst.
Mini-Quiz
Der 1-Tages-VaR mit 95 % beträgt 2 Mio €. Was heißt das?
An den übrigen 5 von 100 Tagen kann der Verlust größer sein, und der VaR sagt nicht, um wie viel.
Was sagt der VaR nicht?
Hinter der Grenze kann es noch viel schlimmer kommen. Dafür gibt es Stresstests.
Wozu dienen Stresstests?
Stresstests ergänzen den VaR genau dort, wo er blind ist.
Kreditrisiko: Was, wenn der Partner ausfällt?
Ein Termingeschäft ist ein Versprechen für die Zukunft. Geht der Vertragspartner vorher pleite, muss man das Geschäft zum dann aktuellen Preis neu abschließen. Wie teuer das wird, hängt vom Wert des Geschäfts ab (Lektion 3).
Schutz bieten das Clearing an der Börse mit täglichen Sicherheiten sowie Kreditlimits und Sicherheiten im außerbörslichen Handel. Die Kehrseite: Sicherheiten binden Geld. 2022 wurde genau das für viele Unternehmen zur Krise.
Du beauftragst einen Handwerker zum Festpreis von 20.000 €. Bevor er anfängt, geht er pleite. Inzwischen sind die Preise gestiegen, und ein neuer Handwerker verlangt 26.000 €. Du hast noch keinen Cent bezahlt und trotzdem 6.000 € Schaden.
Wären die Preise gefallen, hättest du keinen Schaden gehabt, im Gegenteil. Der Schaden hängt also davon ab, wie sich der Markt seit dem Vertragsabschluss bewegt hat.
Zwei Arten von Ausfallrisiko
Wiedereindeckungsrisiko: Der Partner fällt vor der Lieferung aus. Man muss sich am Markt neu eindecken. Der Schaden entspricht dem positiven Wert des Geschäfts aus Lektion 3. Ist das Geschäft für dich gerade nichts wert, kostet der Ausfall auch nichts.
Erfüllungsrisiko: Man hat schon geliefert, aber der Partner zahlt nicht mehr. Dann fehlt der volle Rechnungsbetrag.
Schutz im außerbörslichen Handel
Bevor man mit einer Firma handelt, prüft man ihre Kreditwürdigkeit und legt ein Kreditlimit fest: So viel Risiko darf mit diesem Partner höchstens entstehen. Ist das Limit voll, wird nicht weiter gehandelt, oder der Partner muss Sicherheiten stellen, etwa eine Bankgarantie oder eine Bürgschaft seiner Muttergesellschaft.
Wichtig ist auch das Netting: Hat man mit demselben Partner viele Geschäfte, werden Forderungen und Verbindlichkeiten im Ausfall miteinander verrechnet. Nur der Saldo zählt. Das regelt der Rahmenvertrag aus Lektion 1.
Schutz an der Börse: tägliche Sicherheiten
An der Börse steht das Clearinghaus für jedes Geschäft ein. Damit es selbst nicht ausfällt, verlangt es zwei Arten von Sicherheiten:
Initial Margin: ein Sicherheitspolster, das man beim Abschluss hinterlegt. Es soll den Verlust abdecken, der in wenigen Tagen entstehen könnte.
Variation Margin: der tägliche Ausgleich der Wertänderung. Steigt der Preis, muss der Verkäufer die Differenz noch am selben Tag in bar hinterlegen, der Käufer bekommt sie gutgeschrieben. Der Papierverlust aus Lektion 3 wird also sofort zu echtem Geldabfluss.
Der Windpark hat 87.600 MWh zu 80 € an der Börse verkauft. Der Preis steigt an einem Tag auf 85 €. Der Windpark muss 5 € × 87.600 = 438.000 € hinterlegen. Langfristig gleicht sich das aus, weil sein Strom mehr wert wird. Aber das Geld muss heute fließen, der Strom wird erst nächstes Jahr erzeugt.
2022: als Sicherheiten zur Krise wurden
Im Jahr 2022 vervielfachten sich die Strom- und Gaspreise. Wer an der Börse abgesichert hatte, vor allem als Verkäufer, musste plötzlich Sicherheiten in gewaltiger Höhe hinterlegen. Die Absicherung war wirtschaftlich richtig, aber das Bargeld fehlte. Mehrere Energieunternehmen in Europa brauchten deshalb staatliche Hilfe.
Daraus folgt eine wichtige Lehre: Neben dem Marktrisiko und dem Kreditrisiko gibt es das Liquiditätsrisiko, also das Risiko, kurzfristig nicht genug Geld zu haben. Manche Unternehmen sichern seitdem bewusst mehr außerbörslich ab und nehmen dafür ein höheres Kreditrisiko in Kauf.
Was muss ich wirklich lernen?
Verstehen
- Der Schaden bei einem Ausfall ist der Wiederbeschaffungspreis, und der hängt vom Wert des Geschäfts ab.
- Wie Börse (Clearing, Margins) und außerbörslicher Handel (Limits, Sicherheiten, Netting) sich schützen.
- Warum Sicherheiten ein Liquiditätsrisiko erzeugen, auch wenn die Absicherung richtig ist.
Auswendig lernen
- Initial Margin = Polster vorab, Variation Margin = täglicher Ausgleich.
- Begriffe: Kreditlimit, Netting, Wiedereindeckungsrisiko, Liquiditätsrisiko.
Nicht lernen
- Ratingstufen und wie Ratingagenturen arbeiten.
- Juristische Details der Rahmenverträge.
- Die Namen der Unternehmen, die 2022 Hilfe brauchten.
Mini-Quiz
Ein Partner fällt vor der Lieferung aus. Wann ist dein Schaden am größten?
Dann ist dein Geschäft viel wert, und genau diesen Wert musst du beim Neuabschluss zusätzlich bezahlen.
Was ist Variation Margin?
Wer an einem Tag auf dem Papier verliert, zahlt die Differenz sofort ein.
Warum gerieten 2022 Unternehmen trotz richtiger Absicherung in Not?
Das ist das Liquiditätsrisiko: Wirtschaftlich ging die Rechnung auf, aber das Geld wurde früher gebraucht, als es hereinkam.
Wie ein Handelshaus organisiert ist
Handel ist Teamarbeit mit klarer Trennung. Das Front Office schließt Geschäfte ab. Das Middle Office bewertet sie und überwacht die Risiken. Das Back Office bestätigt, rechnet ab und zahlt.
Die Trennung ist Absicht: Wer handelt, soll sich nicht selbst kontrollieren. Ein Handelssystem (ETRM) begleitet jedes Geschäft vom Abschluss bis zur Zahlung.
In einer Bank verkauft der Kundenberater einen Kredit. Ob der Kredit vergeben wird, entscheidet aber die Kreditabteilung. Ausgezahlt wird er von der Buchhaltung. Der Berater könnte sich sonst selbst Provisionen verschaffen, indem er riskante Kredite durchwinkt.
Im Energiehandel ist es genauso: Wer Geschäfte abschließt, darf sie nicht selbst bewerten, bestätigen oder bezahlen.
Die drei Bereiche
Das Leben eines Geschäfts
Warum die Trennung so wichtig ist
1995 ging die traditionsreiche britische Barings Bank unter. Ein einzelner Händler in Singapur hatte riesige Verluste angehäuft und verstecken können, weil er gleichzeitig für den Handel und für die Abwicklung seiner eigenen Geschäfte zuständig war. Niemand hat ihn kontrolliert.
Seitdem gilt im Handel das Vier-Augen-Prinzip: Jedes Geschäft wird von jemandem geprüft, der es nicht selbst abgeschlossen hat. Dazu kommen getrennte Berichtswege, damit das Risikocontrolling unabhängig vom Handel an die Geschäftsführung berichten kann.
Das Handelssystem: eine Quelle für alle
Damit alle drei Bereiche mit denselben Zahlen arbeiten, gibt es ein ETRM-System (Energy Trading and Risk Management). Jedes Geschäft wird dort einmal erfasst und dann von allen genutzt: vom Handel für die Position, vom Middle Office für Bewertung und Risiko, vom Back Office für Bestätigung und Abrechnung.
Ein gutes System verhindert, dass Tabellen auseinanderlaufen. Es ist aber nur so gut wie die Daten, die hineinkommen. Darum ist die saubere Erfassung beim Abschluss so wichtig.
Jetzt siehst du, wie alles zusammenhängt: Das Front Office handelt an Börse und außerbörslich (Lektion 1), um abzusichern (Lektion 2). Das Middle Office bewertet die Geschäfte (Lektion 3), misst das Marktrisiko (Lektion 4) und das Kreditrisiko (Lektion 5). Das Back Office sorgt dafür, dass am Ende Strom und Geld richtig fließen.
Was muss ich wirklich lernen?
Verstehen
- Die Aufgaben von Front, Middle und Back Office.
- Warum die Trennung wichtig ist: Wer handelt, soll sich nicht selbst kontrollieren.
- Das Leben eines Geschäfts in vier Schritten.
Auswendig lernen
- Front Office = handeln, Middle Office = bewerten und Risiko, Back Office = bestätigen und abrechnen.
- Begriffe: Vier-Augen-Prinzip, ETRM-System, Origination.
Nicht lernen
- Namen von ETRM-Anbietern.
- Die Einzelheiten des Barings-Falls, die Lehre daraus genügt.
Mini-Quiz
Wer bewertet täglich die Positionen und überwacht die Limits?
Das Middle Office ist unabhängig vom Handel und berichtet direkt an die Geschäftsführung.
Warum bestätigt der Händler seine Geschäfte nicht selbst?
Vier-Augen-Prinzip: Jemand, der das Geschäft nicht abgeschlossen hat, prüft es.
Was ist ein ETRM-System?
Alle Bereiche arbeiten im selben System mit denselben Daten.
Abschluss-Checkliste
Verstehen
- Warum es Börse und außerbörslichen Handel gibt
- Warum Absicherung planbarer macht, nicht reicher
- Die drei Risiken eines Windparks: Preis, Menge, Profil
- Was der VaR aussagt und was nicht
- Warum Sicherheiten Liquidität kosten
Erklären können
- Warum ein Windpark nicht 100 % absichert
- Wie ein Swap funktioniert
- Warum ein Papierverlust für einen Absicherer kein Problem sein muss
- Was 2022 mit den Sicherheiten passiert ist
- Warum Handel und Kontrolle getrennt sind
Auswendig können
- EEX = Terminmarkt, Base und Peak
- Wert für den Käufer = (Marktpreis minus vereinbarter Preis) × Menge
- Der VaR-Mustersatz
- Initial Margin und Variation Margin
- Front, Middle und Back Office
Nicht lernen müssen
- Alle Zahlen aus den Rechenbeispielen
- Rechenmethoden für den VaR
- Rechtliche Details der Rahmenverträge
Damit hast du den Kurs geschafft: vom einzelnen Handelsgeschäft bis zur Organisation eines Handelshauses. Zurück zur Kursübersicht